Evangelische Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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17.9.2019

Die Konfirmation

von Torsten Lüdtke

Foto: Reiner Kolodziej

Es war ein strahlender Frühlingsmorgen. Auf den blühenden Bäumen zwitscherten Vögel und die ersten Schmetterlinge ließen sich vom leichten Wind treiben.
Nah des Wegs, den wir gingen, lag der See, einem großen, geschliffenen Spiegel ähnlich, schillernd und blau, ganz anders als vor wenigen Tagen. An das Regenwetter der letzten Tage erinnerten nur noch kleine Pfützen auf dem Sandweg, der zur evangelischen Kirche hinaufführte.

Schon oft war ich diesen Weg gegangen, doch niemals war er mir so schön erschienen wie heute; selbst die riesenhaften Reste des alten Ritterordenschlosses auf dessen Ruinen man die evangelische Kirche errichtet hatte, erschienen mir nicht so drohend wie sonst. Eine unbestimmte Vorfreude erfüllte mich. Würde ich heute die ersehnte Armbanduhr bekommmen?

Schon waren wir an den abzweigenden Weg gelangt, der zu den verfallenen Bastionen – im Winter unsere Rodelbahn – führte. Hier musste ich mich von meinen Eltern und den Verwandten, die aus der entfernten Provinzhauptstadt gekommen waren, um an dem festlichen Ereignis teilzunehmen, trennen. Zwei Jahre Konfirmandenunterricht hatte ich nun hinter mir, ebenso die Katechismusprüfung – und über ein Dutzend Gottesdienstbesuche. Das Lernen der Lieder, Psalmen und Katechismusartikel war mir eigentlich nicht schwer gefallen, doch die Gottesdienstbesuche ...

Einige, die ich aus dem Konfirmandenunterricht kannte, waren bereits da. Sie trugen – ebenso wie ich – ihren ersten eigenen Anzug. Etwas abseits stand eine Gruppe schwatzender Mädchen, die heute ebenfalls konfirmiert werden sollten. Zu den hübschen, meist weißen Kleidern, trugen einige sogar Hüte, so dass sie fast wie Damen aussahen.

"Endlich dazugehören! Endlich wie die Erwachsenen sein!", dachte ich – und auch den anderen mochte es so gehen. Heute, so wussten wir, würden die meisten von uns das erstemal mit den Erwachsenen zusammen an der Tafel sitzen und ein Glas Wein trinken. Was waren das für herrliche Aussichten! Und dann erst die Geschenke, wie sehr freute ich mich darauf zu erfahren, was meine Verwandten mir mitgebracht hatten aus der großen Stadt! Das erste Geschenk hielt ich bereits in meinen Händen: ein kleines, in schwarzes Leder gebundenes Buch – mein Gesangbuch. Von meiner Patentante, einer Schwester meiner Mutter, hatte ich es bekommen.

Noch vor wenigen Tagen, als das Päckchen ankam, hatte ich spekuliert, was wohl darinnen sei, nun wusste ich es. Eine Enttäuschung war der nächsten gewichen: Nicht nur, dass meine Tante nicht zu meiner Konfirmation kommen konnte, wie sie im beiliegenden Brief breit ausführte, auch hatte ich mich, unzufrieden, insgeheim über ihr eigentlich schönes und würdiges Geschenk geärgert, so dass es mir abgeschmackt und langweilig erschien.

Die Ankunft meiner Freunde riss mich aus der grüblerischen Stimmung, und die nächsten Minuten vergingen wie im Fluge bis wir Pfarrer Luther, bereits im Talar , den Weg herabkommen sahen. Er begrüßte uns und teilte mit, dass wir noch auf den Photographen warten würden, und etwas später kam dann auch der Photograph und wir stellten uns in Positur: als Gruppe mit "unserem" Pfarrer, einzeln oder mit einigen Freunden. Kaum waren die Aufnahmen gemacht, begannen auch schon die Glocken zu läuten. Für uns war dies das Zeichen, uns zum Einzug zu ordnen.

"Schlicht und doch feierlich, nicht so wie die Prozession der Firmlinge der katholischen St.Jacobi-Gemeinde", so hatte es uns der Pfarrer eingeprägt, sollten wir in die Kirche ziehen, um dann in der ersten Reihe Platz zu nehmen.
Festliche Orgelmusik drang uns entgegen; noch wenige Schritte und wir hatten unsere Plätze erreicht. Über allem lag eine besondere Stimmung: wir wussten, dass wir heute im Mittelpunkt stehen würden und dass der Kirchenchor nur wegen uns sang und der Posaunenchor nur wegen uns spielte...

Vom Gottesdienst selbst sind mir nur Pfarrer Luthers Predigt über "Denn sie können hinfort nicht sterben; denn sie sind den Engeln gleich und Gottes Kinder, dieweil sie Kinder sind der Auferstehung" und die eigentliche Einsegnung im Gedächtnis geblieben; doch will ich sie hier übergehen, weil Pfarrer Luther nicht mit ermahnenden Worten und guten Beispielen sparte. Schließlich bat uns er nach vorn. Langsam, wie schlafwandelnd, erreichte ich den Altar, wo wir niederknieten um den Segen zu empfangen. Schließlich übergab er uns unsere Konfirmationsscheine. Erleichtert gingen wir zu unseren Sitzen zurück.
Erst auf dem Heimweg wich die Teilnahmslosigkeit wieder, eine von Vorfreude durchsetzte Unruhe bemächtigte sich meiner. Was sollte es heute bei Tisch geben? Wie würde der weitere Tag verlaufen?

Zuhause angekommen, erblickte ich die gedeckte Tafel: geschliffene Gläser, das wertvolle buntbemalte Porzellan, das blankgeputzte Familiensilber, die großen Leuchter und auf dem Buffet die Torte für die Kaffeetafel.

Nach der Kaffeetafel durfte ich dann die Geschenke auspacken; doch nicht alles was ich bekam erregte meine Freude: statt der gewünschten Abenteuergeschichten bekam ich eine große mit Kupferstichen versehene Ausgabe von Goethes Faust, in die mit schönen gotischen Buchstaben die Worte Friedrich Rückerts als Widmung eingetragen waren:

Heut' hast du, lieber Sohn, getrunken heil'gen Wein,
Trink' ungeweihten jetzt! Auch der soll heilig sein.
Entweih' entheilig' ihn nie durch Unmäßigkeit!
Auch du bist frischer Wein, o sei mir nie entweiht!
Laß' in dein lautres Blut kein unrein Tröpflein mischen,
Daß immer uns wie heut' dein Anblick mög' erfrischen.

Obwohl das Buch mit der Widmung sicher ein schönes Geschenk darstellte, konnte ich mich nicht richtig darüber freuen. Ebenso war es mit einem weiteren Geschenk, das ich bekam und mit dem ich nichts anzufangen wusste: Dachte ich doch, dass ich wie alle meine Freunde aus dem Konfirmandenunterricht eine Armbanduhr geschenkt bekommen würde, doch ich bekam statt der gewünschten und ersehnten Armbanduhr eine Taschenuhr. Das goldene Gehäuse und auch das mit Blumen bemalte Ziffernblatt waren zwar sehr hübsch und auch die eingebaute Spieluhr war sehr schön, doch schmerzte mich der Verlust der Armbanduhr aus meinen Träumen. Dass diese Uhr ein wertvolleres Geschenk darstellte als alle Armbanduhren meiner Freunde zusammen, wusste ich ebensowenig wie die Tatsache, dass ich später doch eine Armbanduhr geschenkt bekommen sollte.

"Eigentlich war es ein schöner Tag,", schloss mein Großvater seine Erzählung, "Damals – vor nun über sechzig Jahren – hätte ich mich ein wenig mehr freuen sollen, nach der gelungenen Feier. Und auch du"- dabei zeigte er auf eine offenstehende, kleine lederbezogene Schachtel, "solltest dich mehr über die Uhr deines Großvaters freuen."

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