Evangelische Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

Gemeindezentrum CelsiusstraßeGemeindehaus Ostpreußendamm
Gemeindehaus ParallelstraßeDorfkirche Giesensdorf

ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf > Gemeindebrief > Archiv > April 2001

21.11.2019

Harry Potter – aber nicht für Christen?
Gedanken zur Kritik an den Harry Potter-Büchern

von Irene Ahrens-Cornely

Ein Kinder- bzw. Jugendbuch erregt seit dem letzten Jahr die Gemüter: Die vier Bände "Harry Potter" von der britischen Autorin Joanne K. Rowling stehen seit Monaten auf den Bestsellerlisten und werden von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen in vielen Ländern mit wachsender Begeisterung verschlungen. Eine solche plötzliche Lesebegeisterung weckt Interesse, aber offensichtlich auch Mißtrauen:

1. Worum geht es hier eigentlich?

Und wer ist Harry Potter?

Harry ist ein verwaister Junge, der bei Tante und Onkel im Schrank unter der Treppe aufwachsen muss, weil er niemand anderen hat, der sich um ihn kümmern könnte. An seinem 11. Geburtstag bekommt er einen Brief der Zaubererschule, dass er aufgenommen ist und sich zum neuen Schuljahr pünktlich einfinden soll. Ihm wird erklärt, dass er der Sohn berühmter Zauberer ist, die von einem bösen Zauberer getötet wurden.

Zunächst bleibt offen, aus welchem Grund der Todesfluch an dem Baby Harry damals unwirksam blieb; einziges sichtbares Zeichen dieser tödlichen Bedrohung bleibt eine gezackte Narbe auf Harrys Stirn.
Dieser Misserfolg hat die Macht des Bösen zunächst gebrochen. Während Harry nun in der Internatsschule Hogwarts Zauberei und Hexerei lernt, versucht der böse Lord Voldemort aber neue Macht zu erlangen. Es geht also um den Kampf des Guten gegen das Böse.

2. Kritikpunkte

Im Internet wird – vor allem von Kritikern, die dezidiert als Christen schreiben – kritisiert, dass die Bücher "Harry Potter" auf der "Esoterikwelle schwimmen" und Okkultismus und Magie verharmlosen oder sogar positiv darstellen.
M.E. muss man Harry Potter in der Tradition britischer Kinderliteratur verstehen, deren Autoren ihre Handlung sehr häufig in fremden Fabelwelten ansiedeln, in denen Tiere sprechen können und die Kinder Fähigkeiten haben oder erlangen, die sie im wirklichen Leben nicht haben.
Ich möchte nur ein paar Beispiele unter ganz vielen nennen: C. S. Lewis beschreibt in sieben Bänden das Werden und Vergehen einer erdachten Welt, Narnia, die von englischen Kindern besucht wird. In "Mary Poppins" können die Kinder fliegen und sprechen mit Tieren und Figuren aus Büchern. Bei der Autorin Edith Nesbit können Kinder die Vergangenheit bereisen.

Durch die zeitliche und örtliche Verfremdung wird für die Lesenden eine stärkere Möglichkeit zur Identifikation geschaffen. In der deutschen Kinderliteratur ließe sich "Harry Potter", was den Umgang mit Zauberei und Magie angeht, am ehesten noch mit "Krabat" von Otfried Preußler vergleichen, aber die Geschichten spielen in sehr unterschiedlichen Zeiten und unterschiedlichem Milieu.

In "Harry Potter" wird die Welt der Zauberer als eine in sich logisch geschlossene Welt beschrieben, mit eigenen Regeln und Lebensweisen, sogar einem eigenen Sport; z.B. sind in der Schule einige Schlossgespenster beheimatet, die mit solch spöttischem Unterton charakterisiert werden, dass man sie in erster Linie belächelt, aber nicht ernst nehmen kann. Trotzdem erlebt Harry in der Schule all das, was unsere Kinder in der Schule auch erleben: nette und weniger nette Lehrerinnen und Lehrer, Fächer, die Spaß machen und solche, die keinen Spaß machen, Mitschülerinnen und Mitschüler, mit denen man sich auseinandersetzen und arrangieren muss.

Es geht um Prüfungen und Prüfungsängste genauso wie darum, Hausaufgaben möglichst energiesparend anzufertigen. Es geht um Freundschaften, Enttäuschungen, großartige Erfolgserlebnisse und pfiffige Streiche. Dabei ist die Handlung außerordentlich spannend und abwechslungsreich mit viel Phantasie geschrieben.

3. Positive Merkmale

Mir fiel besonders positiv auf, dass den Kindern und Jugendlichen viele Möglichkeiten zur Identifikation angeboten werden. Sicher findet sich manch einer in den vielen beschriebenen Freunden und Schulkameraden von Harry wieder. Die Lösungen der zahlreichen Konflikte zwischen den Freunden, den Lehrern, anderen Mitschülern usw. regen zum Nachdenken an; es werden positive Vorbilder geschaffen. Es regt auch zum Nachdenken an, dass Harry und seine Freunde ausgesprochen gerne zur Schule gehen, sie sind begierig darauf, mehr zu lernen. Sie leben in einer Welt ohne Computer und Fernsehen! Ihr größtes Freizeitvergnügen ist ihr Sport, für den Harry bereit ist, auch bei Regen, Schnee und Kälte hart zu trainieren. Für welche Kinder gilt denn das heute noch?

Die wichtigste Botschaft aber besteht darin, dass Harry sich ganz bewusst entschließt, für "das Gute" einzustehen. Er widersteht zusammen mit vielen anderen so gut er kann "dem Bösen" und seinen Verlockungen. Harry ist kein strahlender Held, kein Übermensch, sondern – in seiner Zaubererwelt – ein ganz normaler Junge, dem es gelingt, vor besondere Aufgaben gestellt, das Richtige zum richtigen Zeitpunkt zu tun. Dabei helfen ihm seine Freunde.

Am Ende des ersten Bandes wird Harry ermutigt, die Dinge immer beim richtigen Namen zu nennen, denn die Angst vor einem Namen steigert nur die Angst vor der Sache selbst. Ihm wird erklärt, dass das einzige, was "das Böse" nicht versteht, die Liebe ist. Offensichtlich ist es allein die Liebe, die vor "dem Bösen" zu schützen vermag ...

Neuartig und gewöhnungsbedürftig ist die Art der aggressiven Vermarktung über die Medien, aber abgesehen davon ist "Harry Potter" m.E. der neue Kin-derbuchklassiker, in dem die Geschichte spannend und fröhlich erzählt wird. Ich habe (von unseren Kindern abgejagt) zusammen mit meinem Mann alle vier Bände "Harry Potter" mit großer Begeisterung gelesen, und obwohl man sicherlich einige Passagen verdrehen und missbrauchen kann (davor ist ja nicht einmal unsere Heilige Schrift geschützt), meine ich, dass hier ein wirklich spannendes und witziges Buch vorliegt, das zum Nachdenken und Diskutieren anregt.

zum Seitenanfang   Übersicht der Themen   blättern