ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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17.7.2019

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Nicht gerade freundlich weisen hier die Engel die Frauen zurecht, die zum Grab Jesu kommen. Fast so, als hätten sie etwas Unanständiges getan. Dabei hatten sie doch nichts anderes vor, als den Leichnam zu waschen und zu salben, so wie es eben üblich war. Ein ganz verständlicher Wunsch. Sie hatten gerade einen geliebten Menschen verloren, und dies war das mindeste, aber auch das letzte, was sie noch für ihn tun konnten.

Beweinung Christi / Grablegung - Foto: Reiner Kolodziej
Beweinung Christi / Grablegung von Marco Palmezzano, um 1475
(gesehen im Februar 2001 im neuen Walraff-Richartz-Museum in Köln am Rhein – Foto: Reiner Kolodziej)

Und nun werden sie schroff belehrt, dass sie mit völlig falschen Erwartungen an das Grab gekommen sind. Der, den sie für tot hielten, ist gar nicht tot, ja er kann eigentlich gar nicht tot sein, ist er doch "der Lebende" schlechthin. Hätten sie, die ihn so gut kannten, dies nicht wissen müssen? Wurde Jesus wieder einmal verkannt und mißverstanden, auch und sogar von seinen engsten Freunden, sogar noch im Tode?

Oft genug zeichnen die Evangelien ihn ja in dieser Rolle. Oder besser: Sie zeichnen Jesu Freunde und Familie, die Menschen um ihn herum als leicht begriffsstutzig und wenig einfühlsam, als eine Gruppe von Leuten, die diesen ganz besonderen Menschen eigentlich nie recht verstanden haben.

Wenn Jesus nun nichts weiter wäre als ein besonderer Mensch, wäre dies alberner Personenkult. Es steht außer Zweifel, dass Jesus ein besonderer Mensch war. Auch Atheisten beteuern das ja immer wieder gern, aber das Anliegen der Evangelien ist es ja gerade zu zeigen, dass er viel mehr war als bloß das.

Indem die Evangelien bekennen, dass Jesus nicht irgendein, wenn auch noch so besonderer Mensch war, sondern Gottes Sohn, ja sogar dass Gott selbst in ihm zu den Menschen kam, eröffnen sie einen neuen Blick auf einige absonderliche Verhaltensweisen.

Die Worte der Engel sind ja bei weitem nicht die einzige Gelegenheit in Jesu Leben und Sterben, bei der dieser die Erwartungen seiner Umwelt schroff brüskiert hat. Er hat seine Familie vernachlässigt, mit sozial Geächteten verkehrt, Religionsgesetze missachtet und konnte – wenn wir einmal den Text der Evangelien für bare Münze nehmen – dabei manchmal eine Überlegenheit zur Schau stellen, die noch 2000 Jahre später provokant wirkt.

Eine Legitimation erwächst diesem Handeln aus dem Anspruch, nicht Menschenwerk, sondern Gotteswerk zu tun, die Welt nicht mit menschlichen, sondern mit göttlichen Augen zu sehen. Dabei werden dann menschliche Konventionen und Erwartungshaltungen oft drastisch relativiert.

Zu den Botschaften, die Jesu Verhalten vermitteln, gehört auch, dass er sich zwar bitten, aber nicht vereinnahmen lässt. Auch dies ist eine Eigenschaft Gottes, der "der Lebendige" heißt, ja es ist eine Eigenschaft, die mit dieser Lebendigkeit aufs engste verknüpft ist. Lebendig ist nur, was sich verändert und die Kraft zur Veränderung in sich trägt. Es ist auch ein Kennzeichen des Lebendigen, auf seine Umwelt zu reagieren. Die kreative Kraft der Veränderung bricht sich, soweit sie von Gott kommt, nicht ungestüm Bahn, ohne Rücksicht auf Verluste. Aber genauso muss sie den Versuch der Vereinnahmung in seine Grenzen weisen, denn wenn ihr nicht mehr erlaubt wird, sich selbst zu betätigen, dann hat eben auch das Leben ein Ende.

So steckt in der Zurückweisung der Frauen am Grab mehr als nur der dogmatische Lehrsatz, dass Christus wahrhaft auferstanden ist. Er enthält auch die Botschaft, dass die lebendige Kraft, die sich in Christus verkörpert, nur dann lebendig bleiben kann, wenn seine Anhänger bereit sind, ihr Raum zu geben und dafür ihre eigenen Ansprüche zu begrenzen. Wenn die Jünger an einem Totenkult festgehalten hätten, hätten sie nicht erleben können, dass die Kraft Christi nach seinem Tod weiterlebte. Nur indem sie die Veränderung zuließen und sich gesagt sein ließen, dass der Mensch Jesus nun nicht mehr da war, durften sie erleben, dass der Geist, den sie durch diesen Menschen kennengelernt hatten, solange er unter ihnen lebte, bei ihnen blieb, auch über seinen physischen Tod hinaus.