ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

Holzkirche Gemeindezentrum Celsiusstraße Gemeindehaus Ostpreußendamm
Petruskirche Gemeindehaus Parallelstraße Dorfkirche Giesensdorf

ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf > Gemeindebrief > Archiv > April 2001

16.1.2019

Endlos und ohne Erlösung
Warum plastinierte Leichen uns faszinieren – und entmutigen

von Bischof Dr. Wolfgang Huber

Tote Menschenleiber zu plastinieren und auszustellen, ist weniger ein künstlerisches als ein religiöses Statement. Es sagt etwas aus über das Verhältnis von Heil und Heilung, von Endlichkeit und Erlösung. Vielleicht berührt die Ausstellung "Körperwelten" auch deshalb so, weil sie intuitive religiöse Einsichten berührt – und angreift. Der Plastinationskult drängt uns unterschwellig einen Glauben auf, der uns interessiert, der uns aber zutiefst fremd ist. Plastinierung ist Mumifizierung. Sie stammt aus demselben Geist wie die ägyptische Religion. Und wir sind alle Pharaonen. Sind wir das?

Die Hoffnung auf Heil war zu keiner Zeit selbstverständlich. Es wäre ein Irrtum, sich vorzustellen, in früheren, in stärker religiös geprägten Zeiten sei die Frage nach dem Heil allgegenwärtig gewesen, heute dagegen, in religiös karger Zeit, sei diese Frage an den Rand gerückt. Vielmehr lagen zu allen Zeiten zwei Vorstellungen vom Menschen und seiner Welt miteinander im Streit. Nach der einen Vorstellung ist die Wirklichkeit in Ordnung und der Mensch ist im Maß des Möglichen gut. Deshalb gibt es kein Heil, nach dem man erst noch Ausschau halten müsste. Nach der anderen Vorstellung dagegen kann ich mich mit dem gegenwärtigen Zustand der Welt und meines Lebens in ihr nicht abfinden; dieser Zustand enthält vielmehr die drängende Frage nach endgültiger Veränderung, nach Erlösung.

Man kann das alte Ägypten als ein Beispiel dafür anführen, dass die Welt als in sich selbst heilvoll angesehen wird; auch das menschliche Leben wird als gelingendes und gelungenes Leben verstanden. Dem Resultat dieses Lebens kommt eine Gültigkeit zu, die über die Grenze des eigenen Lebens hinausweist. Deshalb wird es – in Gestalt der Mumie – auf Dauer gestellt. Die Toten sollen etwas von dieser Welt und aus ihrem eigenen Leben in die Todeswelt mitnehmen; das beweist den hohen Wert, der diesem Leben und seinen Gütern zuerkannt wird.

Schuld und Dank

In einem solchen Denken tritt mir das Heil in dieser Wirklichkeit selbst entgegen. Obwohl sie alle die Einwände dagegen kannten, sind manche neuzeitlichen Philosophen dieser Vorstellung nahe gekommen. Leibniz etwa bezeichnete die existierende Welt als die "beste aller möglichen Welten" und sah in ihr den Ausdruck einer "prästabilierten Harmonie". Überall dort dagegen, wo sich Erlösungsreligionen ausbilden – sei das in den Religionen des indischen Subkontinents oder im Christentum -, wird die Wirklichkeit anders gesehen. Sie ist in sich nicht heilvoll, sondern heillos. Sie ist geprägt durch Sünde und Schuld, durch Verhängnis und Krankheit, durch die Erfahrung des Todes.

Wer die Wirklichkeit als durchgängig heilvoll betrachten will, der verschließt die Augen vor den Hioberfahrungen; er leugnet die Endlichkeit menschlichen Lebens; er ist blind für die zerstörerischen Folgen menschlicher Schuld. Wer sich diesen Aspekten des Lebens stellt, in dem ist auch die Hoffnung auf Erlösung lebendig, auf die Erlösung von dieser Wirklichkeit, jedenfalls von ihren Schattenseiten: Schuld und Verhängnis, Krankheit und Tod. Nur bei einer solchen Betrachtungsweise hängen Heil und Hoffnung zusammen. Nur in diesem Fall sprechen wir von Erlösungsreligionen.

Im Christentum verbindet sich die Hoffnung auf Erlösung mit dem Dank für erfahrenen Segen; der Lobpreis des Schöpfers verknüpft sich mit der Hoffnung auf den Erlöser. Es führt insofern in die Irre, wenn man das Christentum auf ein dualistisches Weltbild festlegt. Seine Besonderheit ist vielmehr, dass die Hoffnung auf Erlösung dieser Welt, dieser Erde, diesem Leben gilt. Trotzdem ist das Heil nicht einfach vorhanden; es steht noch aus.

Auch heute begegnen uns die beiden Positionen im Verhältnis zur Wirklichkeit, die ich gerade an der Gegenüberstellung zwischen der Religion Ägyptens und dem christlichen Glauben verdeutlicht habe. Dem fraglosen Zutrauen zur gegebenen Wirklichkeit entspricht der Wunsch, dieser Wirklichkeit selbst unabsehbare Dauer zu verleihen; der Einsicht in den unerlösten Charakter dieser Wirklichkeit dagegen entspricht die Hoffnung auf einen neuen Himmel und eine neue Erde, "in welchen Gerechtigkeit wohnt". Der Vorstellung, dass Menschen sich auf sich selbst verlassen können und für ihr Heil auf keine andere Macht angewiesen sind, entspricht der Gedanke, der Mensch könne sich selbst "verewigen. Der Überzeugung dagegen, dass wir Menschen unvollkommen und schuldgeneigt, sterblich und von der Sünde angefochten sind, entspricht die Hoffnung auf Vergebung und Erneuerung, in unserem zeitlichen Leben genauso wie an dessen Ende.
Für den Versuch, den Menschen zu "verewigen", können wir derzeit in Berlin ein eindrucksvolles Beispiel besichtigen: die Ausstellung "Körperwelten". Menschliche Körper oder Körperteile sind durch Plastination verewigt", vor dem fortschreitenden Verfall bewahrt, als Kunstwerke zur dauerhaften Ausstellung präpariert. Menschlichem Leben wird so sein Ende vorenthalten; es wird nicht zu Grabe getragen; so kann über diesem Grab auch kein "Christ ist erstanden" gesungen werden. Die Auferstehungshoffnung hat in diesem Fall keinen Anhaltspunkt, weil das Ja zur Endlichkeit des Lebens verweigert wird.

Nun steht keinem Menschen ein Urteil darüber zu, was die Zukunft plastinierter Leichname und ihrer Seelen sein mag. Von der Hoffnung auf die Auferstehung der Toten sind auch sie nicht ausgeschlossen; in diesem Sinne konnte auch ihnen ein Requiem gesungen werden. Und die Motive derer, die ihren Körper für die Plastination zur Verfügung gestellt haben, mögen sehr unterschiedlich sein; auch die Plasti-natoren mögen bei ihrer Arbeit unterschiedliche Gedanken haben. Und doch ist der Sinn dieser Handlungen eindeutig: Der sterbliche Körper eines Menschen wird verewigt; es handelt sich um eine moderne Spielart der Mumifizierung. Es sind moderne Mumien, die wir im Postbahnhof am Ostbahnhof besichtigen können. Es ist einer der modernen Versuche, den Menschen durch seiner eigenen Hände Werk unsterblich zu machen.

Die Ausstellung, so höre ich, fasziniere so viele Menschen, weil sie ihnen dabei helfe, zum eigenen Körper eine veränderte Haltung zu gewinnen. Dazu hätten auch die anatomischen Hilfsmittel gereicht, die man im Dresdner Hygienemuseum, in der Ausstellung aus den naturkundlichen Sammlungen der Humboldt-Universität "Theatrum natu-rae et artis" und an vielen anderen Stellen sehen kann. Sie zeigen uns, was für unsere Leiblichkeit typisch ist, und helfen uns dabei, uns selbst als leibliche Wesen besser zu verstehen. Hier aber geht es um etwas anderes: Der menschliche Körper wird der verfließenden Zeit entnommen; der Mensch soll in seiner Körperlichkeit vom Vergehen befreit werden.

"Es wird gesät verweslich und wird auferstehen unverweslich. Es wird gesät in Niedrigkeit und wird auferstehen in Herrlichkeit. Es wird gesät in Armseligkeit und wird auferstehen in Kraft. Es wird gesät ein natürlicher Leib und wird auferstehen ein geistlicher Leib." Mit diesen Worten beschreibt der Apostel Paulus die erhoffte Auferstehung von den Toten. Eine solche Hoffnung soll nun durch Menschenhand eingelöst werden. Die Biographie über den Erfinder der Plastination, Gunther von Hagens, bringt es treffend auf den Punkt: "Endlich unsterblich?" heißt der Titel dieses Buchs.

Selbst gemachte Unsterblichkeit ist das Ziel. Ulrich H.J. Könner hat den religiösweltanschaulichen Zusammenhang der "Körperwelten" treffend kommentiert: "Die Intention der wissenschaftlich-medizinischen Aufklärung, welche Gunther von Hagens vordergründig vertritt, hat in Wahrheit eine weltanschauliche bzw. religiöse Dimension. Während im Christentum der Tod einerseits als natürliches Ende, andererseits aber als göttliches Gericht über den sündigen Menschen gesehen wird, als Feind des Lebens, der schlussendlich durch Gott selbst überwunden werden wird, welcher die Toten zu neuem Leben erweckt, hat der Tod bei von Hagens jeden Schrecken verloren. Der Tod ist nur mehr eine Metamorphose. Dass die Toten, wie der Apostel Paulus erhofft hat, unverweslich auferstehen und ihre Leiber verwandelt werden, ist nun dank des Plastinationsverfahrens technisch möglich. Die ,Osterbotschaft' Gunther von Hagens lautet, dass Trauern das Lernen behindert und eine Art Auferstehung im Diesseits technisch machbar ist. An die Stelle der religiösen Hoffnung, Eingang in das Reich Gottes zu finden, tritt bei von Hagens der Eingang in das Reich der Kunst."

Das Projekt "Körperwelten" fügt sich in eine Zeit, in der die Selbsterlösung des Menschen auch sonst zur beherrschenden Utopie zu werden scheint. Mit der Entschlüsselung des menschlichen Genoms verbindet sich die Hoffnung, dass der Mensch die genetische Disposition seines Lebens vollständig unter Kontrolle bekommen kann. Mit der Idee des therapeutischen Klonens verbindet sich die Vision, dass Krankheiten, welcher Art auch immer, aus eigener Kraft vollständig überwunden werden können. Organtransplantation oder Xenotrans-plantation erscheinen vor einem solchen Hintergrund schon jetzt als veraltete Technologien der "Lebenswissenschaft".

Klon-Visionen und Gesundheitsutopien, aber auch plastinierte Menschenleiber möchten über den Tatbestand des Todes hinwegtäuschen. Sie alle sind Denkfiguren der Todesüberwindung. Sie sagen uns, dass wir uns mit dem Problem unserer Endlichkeit nicht auseinander setzen müssen. Vom Kind zum Erwachsenen, zum Ersatzteilkörper, zum Plästinum, zum Klon – der Mensch wandelt seine materielle Gestalt und bleibt doch unzerstörbar physisch anwesend.

Gewiss gehen manche dieser Erwartungen über die Wirklichkeit weit hinaus. Alle Unsterblichkeitsfantasien werden nichts daran ändern, dass die menschliche Lebensspanne endlich ist. Mediziner sprechen davon, dass diese Lebensspanne – also die im äußersten Fall denkbare Lebenszeit des Menschen – etwa 120 Jahre beträgt. Auch wenn die Fortschritte der Medizin dazu führen, dass wir mit unserer individuellen Lebenszeit diese Lebensspanne in höherem Maß ausschöpfen als bisher, so hat dies doch mit Unsterblichkeit nichts zu tun.
Das ist, im Ernst betrachtet, kein Verlust. Schließlich macht die Endlichkeit unseres Lebens den Augenblick erst wertvoll; nur die Tatsache, dass das Leben begrenzt ist, zwingt uns zur Entscheidung darüber, was richtig ist. So entscheiden wir uns für ein Leben.

Man kann im Übrigen die skeptische Frage stellen, bis zu welcher Grenze ein Ausschöpfen von Lebenszeit überhaupt wünschenswert ist. Man sieht schon jetzt, wie diesem Hinausschieben der Grenze die Forderung nach einer Beendigung menschlichen Lebens durch aktives Eingreifen des Arztes – die so genannte aktive Sterbehilfe oder Euthanasie – zur Seite tritt. Aber unabhängig von dieser Frage und von anderen kritischen Fragen, die man im Blick auf die gegenwärtigen Entwicklungen in den Biowissenschaften stellen muss, bleibt es dabei: Unsterblichkeit werden sie nicht bewirken; die Todesgrenze überspringt der Mensch auf diese Weise nicht. Zu den realen Gefahren dieser Entwicklung gehört es aber; dass der Mensch als Person einfach gleichgesetzt wird mit seiner genetischen oder biologischen Ausstattung. Er wird zu einem "Etwas", das durch seinen biologischen Status und seine genetische Disposition definiert ist. Er wird nicht mehr verstanden als ein "Jemand", der sich zu sich selbst verhalten und eine Geschichte haben kann. Biologischer Status und genetische Disposition werden dann auch einklagbar. Ein Kind kann auf die Idee kommen, seine Eltern dafür zu verklagen, dass es als Junge und nicht als Mädchen, mit einer Begabung für Mathematik und nicht für Musik, heterosexuell und nicht homosexuell veranlagt auf die Welt gekommen ist. Die Klage über eine "fehlerhafte Geburt" wird zu einer vorrangigen Beschäftigung vieler Menschen werden – es sei denn, wir entdecken neu, dass der Mensch Person ist und nicht nur Sache, ein Jemand und nicht nur ein Etwas.

Vom Jemand zum Etwas

Auch die Verwandlung des Menschen aus einer Person in eine Sache, vom Jemand zum Etwas, kann man in der Ausstellung "Körperwelten" studieren. Die in Scheiben zerteilten Menschen oder die zu einem Mobile zerdehnten Körperteile sind dafür vielleicht die deutlichsten Beispiele. "Du sollst dir kein Bildnis machen" heißt ein biblisches Gebot. Es warnt vor der Verwechslung Gottes mit seinem Bild ebenso, wie vor der Verwechslung eines Menschen mit dem Bild, das wir uns von ihm machen. Unter diesem Vorbehalt ist es eine der wichtigen Formen menschlichen Erinnerns, dass wir ein Bild von den Menschen zeichnen und bewahren, die uns wertvoll und lieb sind. Aber wir wissen, dass wir auch mit einem solchen Bild Verstorbene nicht dem Vergehen entreißen können; wir unterscheiden zwischen dem Menschen und seinem Bild. Das Bild ist eine Sache; der in der Erinnerung Lebendige aber ist und bleibt eine Person.

Bei den "Körperwelten" ist eine solche Unterscheidung nicht mehr möglich. Denn es ist ja die Person selbst – in der Gestalt ihres "verewigten" Körpers – , die uns als Bild entgegentritt. Auf den Bildcharakter weisen die Initiatoren ausdrücklich hin, indem sie die Plastinate als Kunstwerke bezeichnen. Aber die Differenz zwischen diesem Bild und der Person wird aufgehoben. Die "Faszination des Echten" soll die Besucher anlocken, jemand wird zu einem Etwas.
Im Ergebnis ist das nicht etwa eine Steigerung des Respekts vor einem Menschen in seiner Personalität, sondern dessen Ende. Denn den Menschen als Person können wir nur achten, wenn wir auch seine Endlichkeit respektieren. Zur seiner Würde gehört es gerade, dass wir ihm nicht von uns aus Unsterblichkeit andichten. Deshalb bestreite ich, dass "Körperwelten" dem Respekt vor der menschlichen Person – nämlich durch eine "schöne" Darstellung ihres Körpers dient. Das Gegenteil ist der Fall. Sie trägt dazu bei, dass wir verlernen, was eine Person ist. Sie macht den Menschen selbst zu einer Sache, die man ausstellen kann.

Der Mensch ist das Wesen, das weiß, dass es sterben muss. Der Lyriker Erich Fried verdeutlicht das so: "Ein Hund, der stirbt und der weiß, dass er stirbt wie ein Hund und der sagen kann, dass er weiß, dass er stirbt wie ein Hund ist ein Mensch." Es scheint wichtig zu sein, dass wir nicht unter das Niveau dieses Hundes sinken, der weiß, dass er stirbt und sagen kann, dass er das weiß. Denn sonst können wir auch von der Hoffnung nicht mehr reden.

Aus dem "Berliner Tagesspiegel" vom 17. März 2001.