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22.5.2019

Kino als Kult
Ein Nachtrag zu den Filmfestspielen

von Jörg Hermann

Kino ist Kult. Cineasten sind anläßlich der 51. internationalen Filmfestspiele in die Hauptstadt gepilgert. Sie gehören zur Kerngemeinde des Kino-Kults, zu den Überzeugungstätern, die lange Reisen und nervtötende Wartezeiten in Kassenschlangen auf sich nehmen, um als erste den neuen Passionsgeschichten und Liebesevangelien der Traumfabrik zu huldigen. Filmfestspiele sind die Kirchentage des Kinos.

Kirche und Kino haben eine Menge gemein. Schon ein vergleichender Blick auf die Umstände von Kinobesuch und Kirchgang macht die Verwandtschaft der Kulturorte deutlich. In beiden Fällen verläßt man das Haus und begibt sich in einen länglichen Raum, an dessen Stirnseite auf Leinwand oder Kanzel Geschichten dargeboten werden. Mit 24 Bildern in der Sekunde erzählte Geschichten im Kino, mündlich vorgetragene in der Kirche. An beiden Orten ist die Darbietung rituell gerahmt: in der Kirche mit Lied und Liturgie; im Kino mittels Vorhang und der obligaten Kino-Werbung.

In diesen immer gleichen Ablauf sind die Deutungen des Lebens durch Film oder Predigt eingebettet. Beide Darstellungsformen leben von Erzählungen: der Film von den subjektiven Geschichten seiner Autorinnen und Autoren, die Predigt von den überlieferten Erzählungen der biblischen Tradition.

Sicher, die Interessen sind nicht identisch. Das Kino will vor allem unterhalten, die Predigt existentielle Themen behandeln. Doch auch das Kino erschöpft sich nicht in der Inszenierung großer Gefühle und eindrucksvoller Bilder. Es setzt sich, auf andere Weise als der Gottesdienst, ebenfalls mit letzten Fragen auseinander. Das läßt sich leicht zeigen. Ein Blick auf Filme der letzten Zeit genügt.

Man denke zum Beispiel an den erst zu Weihnachten wieder im Fernsehen ausgestrahlten Quotenhit 'Titanic'. Das Schiffsdrama verkündet das Evangelium einer Liebe, die stärker ist als der Tod. Einer Liebe, die sich opfert. Eine ähnliche Botschaft transportiert der im vergangenen Jahr mit Preisen überhäufte Film 'Dancer in the Dark' des Dänen Lars von Trier. Hier geht es um die bedingungslose Liebe einer Mutter zu ihrem Sohn. Der Film mache 'das Unsichtbare sichtbar', befand die Kritikerin Kerstin Decker.

In 'American Beauty', ebenfalls aus dem vergangenen Kinojahr, inspiriert die Liebe zu einem neuen, das Schöne sehenden Blick auf das Leben; im Science fiction 'Matrix' bewirkt sie gar die Befreiung der Menschheit aus digitaler Versklavung. Es scheint, als seien filmische Mythen an die Stelle der religiösen getreten.

Der amerikanische Schriftsteller John Updike bekannte in einem Interview: "Jedenfalls hat das Kino mehr für mein spirituelles Leben getan als die Kirche. Meine Vorstellungen von Ruhm, Erfolg und Schönheit stammen alle von der Leinwand.
Während sich die christliche Religion überall auf dem Rückzug befindet und immer mehr an Einfluß einbüßt, füllt der Film dieses Vakuum und versorgt uns mit Mythen und handlungssteuernden Bildern. Film war für mich während einer bestimmten Phase meines Lebens eine Ersatzreligion."

Distanz zum Alltag findet man an beiden Kulturorten, im Kino wie in der Kirche. Nur eben auf je andere Weise. Im Kino mit einem ganz starken Bezug zur Gegenwart. Denn Filme sind nicht zuletzt Spiegelungen und Deutungen der Gegenwart. Sie reagieren sensibel auf die Fragen und Sehnsüchte ihrer Zeit. Der Filmtheoretiker Siegfried Kracauer sprach von Filmen als den "Tagträumen der Gesellschaft".

Wer seine Gegenwart besser verstehen will, wer ihren Träumen und Alpträumen nachspüren, ihren religiösen Sehnsüchten nachsinnen will, ist darum im Kino gut aufgehoben. Er kann sich im Dunkel des Kinosaals in andere Räume und Welten mitnehmen lassen. Nach dem Abspann, wenn das Licht angeht, gibt es dann möglicherweise viel zu bereden. Gute Filme können einen lange beschäftigen. Mindestens so lange wie gute Predigten.

Aus: Politisches Feuilleton im Deutschlandradio Berlin, 16.Februar 2001

Jörg Herrmann: 1958 in Schleswig geboren, Studium der Theologie und der Literaturwissenschaften in Marburg und Rom. Arbeit als evangelischer Pfarrer (Gemeinde, Pressearbeit, Kinoprojekte) und Journalist in Hamburg. Seit April 2000 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Praktische Theologie der Humboldt-Universität zu Berlin. Forschungsschwerpunkte: Religionshermeneutik der Gegenwartskultur, Medien, Publikationen zu den Themen Religion, Ästhetik, Film und Politik. Dissertation: Sinnmaschine Kino, Sinndeutung und Religion im populären Film.