Evangelische Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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13.12.2019

Zweitklassig?
Oder: Was ist das Maß aller Dinge?

von E-Mail

"Der Mensch ist das Maß aller Dinge" behauptete die griechische Sophistik. Dem ist aus christlicher Sicht entgegenzuhalten, dass der Mensch nach dem Bilde Gottes erschaffen ist und daher ebenso unermesslich ist wie sein Schöpfer.
Leider ist dies aber nur die graue, theologisch korrekte Theorie, denn tatsächlich werden wir unser Leben lang gemessen: an anderen, an den Erwartungen unsere Umwelt, an Leistungsstandards, von uns selbst und von anderen. Von der Wiege bis zur Bahre, von den ersten Schulnoten bis zur Einstufung in eine Pflegeklasse werden wir klassifiziert, normiert, katalogisiert.

Und geht es überhaupt anders? Alle Kategorisierungen und Etiketten sollen uns dabei helfen, unseren Alltag besser zu bewältigen. Schulnoten helfen der Firma, aus einer Flut von Dutzenden, manchmal Hunderten von Bewerbern eine Vorauswahl zu treffen. Pflegeklassen helfen der Versicherung, ihre Leistungen zu regulieren. Ränge, Titel und andere Rollenzuschreibungen können dabei helfen, mein Gegenüber besser einzuschätzen und mich adäquat zu verhalten. Wer von uns schon einmal einen Laden, eine Werkstatt, einen Betrieb betreten und gefragt hat: "Wer ist hier der Chef?" hat genau dies getan: Ein Etikett benutzt, um ein Problem möglichst einfach zu lösen. Anders gesagt: Kategorien lassen uns effektiver sein, als wir es ohne sie sein könnten. Leider sind nicht alle Etiketten, die Menschen von anderen Menschen (oder: "der Gesellschaft") aufgeklebt werden, sinnvoll und nützlich, manche sind auch unnütz und ungerecht, aber das ist eher die Ausnahme als die Regel.

So weit so gut. Die Tradition, aus der die Bibel entstand, weiß aber auch, dass in jedem Wiegen, Zählen, Messen und Benennen auch ein Akt der Bemächtigung, ja manchmal sogar der Ermächtigung steckt. Deshalb darf man den heiligen Namen Gottes nicht nennen, deshalb darf David das Volk nicht zählen. Allein Gott als der Ermächtigte schlechthin darf uns wiegen und benennen. Dabei geht es nicht nur um ein Recht, dass ihm – im Gegensatz zu andern – eingeräumt wird, sondern darin drückt sich auch das Vertrauen darauf aus, dass Gott uns – wieder anders als alles menschliche Kategorisieren – mit unserem richtigen Namen benennen, uns recht wiegen und ermessen, kurz: als die erkennen und anerkennen wird, die wir wirklich sind.

Im Gegensatz dazu unterliegt alles menschliche Kategorisierung der Gefahr, dass nicht mehr zwischen dem Menschen und dem Etikett unterscheiden wird. Wenn wir dies Unterscheidung gegenüber anderen Menschen vergessen, tun wir ihnen Unrecht. Immer. Egal, ob das Etikett stimmt oder nicht. Noch schlimmer ist es aber, wenn wir es bei uns selber tun. Dann tun wir uns nicht nur unrecht, sondern legen den Grundstein dazu, uns selbst von innen zu zerstören, denn mit ihr erkennen wir das Urteil, das die Gesellschaft über uns gefällt hat, als wahr an. Aber dieses Urteil kann nie ganz gerecht sein, weil eine solche Kategorisierung einem Menschen nie ganz gerecht werden kann.

Dabei sollten wir uns nicht darüber täuschen, dass wir uns schneller als wir denken mit solchen Zuschreibungen identifizieren. Wie schnell fühlt einer sich als etwas Besseres, weil er ein paar Buchstaben (so etwas wie "Dr" oder "Direktor") vor seinen Namen schreiben darf? Und wie leicht fühlen wir uns schlecht, weil wir ja "nur Hausfrau" (ironisch zum Beruf der Nurhausfrau verballhornt), "nur Student", "nur Arbeitsloser" sind. Dabei verfallen wir dann häufig noch in den Fehler, eine Kategorisierung, die im Hinblick auf eine bestimmte Eigenschaft erfolgte, zu verabsolutieren. Wir vergessen schnell und gerne, dass auch ein zutreffendes Etikett nur eine bestimmte Eigenschaft von uns beschreiben soll und kann, dass zum Beispiel eine Schulnote mich als erst-, zweit- oder drittklassig im Hinblick auf meine Latein- oder Mathematikkenntnisse einstufen kann, aber mich damit zum erst-, zweit- oder drittklassigen Menschen nicht machen will und nicht machen soll.

Wie wir gesehen haben, können wir auf die Bewertung anderer Menschen nicht ganz verzichten. Aber wir sollten uns sehr davor hüten, andere und vor allem uns selbst nur noch als ein Bündel von Etiketten und Kategorien zu sehen. Wenn die Bibel betont, dass kein Mensch, sondern nur Gott einen Menschen richtig erkennen und beurteilen kann, dann soll uns dies daran erinnern, dass wir einen anderen Menschen, egal wie viel wir über ihn wissen, nie ganz kennen können, dass wir ihn deshalb auch nie ganz gerecht beurteilen können und dass wir deswegen nie ganz genau wissen können, welche Möglichkeiten noch in ihm verborgen sind. Dabei dürfen wir nicht vergessen, diese Ermahnung nicht nur auf andere, sondern auch auf uns selbst anzuwenden, denn wie sonst sollen wir uns die hoffnungsvolle Möglichkeit erhalten, uns mit uns selbst zu überraschen?

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