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22.7.2019

"Menschen wie wir..."
Buchbesprechung

von Torsten Lüdtke

"Menschen wie wir..." – so der Titel des neuen Buches des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Dieser ist ebenso unspektakulär wie programmatisch zugleich: Soll doch der vierte Band der Reihe "Aktion Erinnerung" in einer Zeit, in der Soldaten ganz offen als Mörder bezeichnet werden dürfen, und den Opfern des zweiten Weltkrieges allenfalls als Verbrechern oder Tätern gedacht wird, helfen, einen Ausgleich zwischen den so gezeichneten Überlebenden und Toten zweier Weltkriege und der polarisierten Öffentlichkeit zu schaffen.

Der Band, entstanden aus der praktischen Arbeit des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge, die – über fünfzig Jahre nach Ende des zweiten Weltkriegs – noch immer damit beschäftigt ist, Schicksale vermißter oder gefallener Soldaten zu klären, vereinigt unzählige Lebensläufe und kurze Biographien von Kriegsopfern beider Weltkriege. Doch wird in dem Band nicht nur Soldaten, sondern auch Zivilisten, die infolge von Kriegshandlungen oder in Gefangenenlagern umkamen, gedacht. Alle Schilderungen sind durch Angehörige oder Freunde verfasst worden, was den Texten des Buches eine besondere Authentizität verleiht, so daß hinter den Lebensläufen auch immer Menschen sichtbar werden, die durch ihre kleinen Vorlieben oder auch kleine Fehler charakterisiert werden.

Viele persönliche Dokumente, Briefe, Gedichte oder Tagebuchaufzeichnungen, sind in die Lebensläufe eingefügt, und illustrieren diese – ebenso wie die vielen Photos – auf sehr plastische Weise. Gerade durch diese Selbstzeugnisse wird die Haltung der Beschriebenen zum Krieg deutlich: Es finden sich viele Aussagen, die nach dem Sinn des Krieges fragen und ihn so zweifelhaft erscheinen lassen; doch es finden sich auch Zeugnisse, die den Krieg ablehnen, wie das Gedicht eines unbekannten, gefallenen Soldaten, der im Kessel von Stalingrad schrieb:

"Keiner denkt bei Kriegen an die Mutter / sie sind für Staatsmänner und Militärs das / Unwichtigste auf der Welt. / Sie dürfen Söhne gebären / sie dürfen sie aufpäppeln / ihnen das Gehen beibringen / das Essen, das Sprechen, das Beten. / Und wenn sie dann lange Hosen tragen / nimmt man sie ihnen weg / steckt sie in eine Uniform. / Ihr habt eine Tradition / in marschieren und kupieren. / Haltet sie hoch, diese Tradition / marschiert um die halbe Welt / und kupiert in Ost und West / in Nord und Süd / Wofür? Das dürft ihr nicht fragen."
(Menschen wie wir ..., S. 41)

Dieser nachdenklich stimmende Text, geschrieben von einem wohl nicht älter als zwanzig Jahre alten Soldaten, steht für jene Generation, die noch von der Schulbank oder aus dem Hörsaal der Universität in den verlorenen Krieg geschickt wurden und die als Opfer – weniger als Täter – an der Front fiel, oder hier schwere physische oder psychische Schäden erlitt.

Viele der im Buch Beschriebenen gehörten dieser Generation an – wie auch die Schreiberinnen und Schreiber der Lebensläufe jener Generation angehören; für die Zeichnung der Ehegatten, Väter , Brüder, Verlobten und Freunde in diesem Band – über das stilistische und literarische Vermögen der Verfasser hinweg – muß die Einschränkung, die für alle Texte der Erinnerungsliteratur zu beachten ist, daß nach so langer Zeit kaum ein exaktes Bild zu schaffen ist, gelten.

Trotzdem ist "Menschen wie wir..." wohl allen zu empfehlen, die sich mit dem Thema "Krieg" aus einer anderen Perspektive auseinandersetzen wollen und die vor konventioneller Militärgeschichte zurückschrecken, weil sie den Krieg verherrlicht oder glorifiziert.
"Menschen wie wir..." glorifiziert und verherrlicht nicht, es klagt auch nicht an, doch wirkt es in seiner Gesamtheit wie eine Anklage: Warum?

Torsten Lüdtke

Menschen wie wir... hrsg. vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, Kassel 2000 (gegen Spende über den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V., Werner-Hilpert-Str. 2, 34112 Kassel zu beziehen)