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16.10.2018

Das KZ-Außenlager Wismarer Straße
Ein Stück Lichterfelder Geschichte

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Zufall oder nicht – gerade während die Diskussion um die Entschädigung von Zwangsarbeitern noch hohe Wellen schlägt, wurde am 31. Oktober auf dem Gelände, wo sich von 1942-45 ein Außenlager des KZs Sachsenhausen befand, durch die Einweihung eines Gedenksteins ein öffentliches Zeichen der Erinnerung gesetzt. Der Zeitpunkt ist gut gewählt. Während auf höchstem politischen Niveau über Firmenbeteiligungen und Rechtsansprüche gestritten wird, drängt sich leicht die Frage auf: Und was hat das alles mit uns zu tun? Wer waren diese Zwangsarbeiter eigentlich und was wollen die jetzt noch von uns?

KZ-Außenlager Berlin, Lichterfelde-Süd, 1942

Ein Blick auf den Gedenkstein zeigt uns, daß Zwangsarbeit im Nationalsozialismus noch viel weniger als andere Untaten des Regimes sich abgesondert und im Verborgenen abspielten. Mitten unter uns, mitten im gutbürgerlichen Lichterfelde lebten und arbeiteten hier mehrere Jahre lang KZ-Häftlinge aus halb Europa, insgesamt ungefähr 1000 Menschen. Tagsüber arbeiteten sie für private Firmen, sehr häufig aber auch für die öffentliche Hand oder die SS. Die Häuser, die die SS im Ortlerweg errichten ließ etwa, wurden von Häftlingen aus dem angrenzenden Lager errichtet. Die Zwangsarbeiter füllten Arbeitsplätze, die leer blieben, nachdem viele Männer zum Kriegsdienst eigezogen worden waren. Dabei wurden sie aber aber auch besonders gerne für unangenehme oder gefährliche Arbeiten eingesetzt, etwa die Beseitigung von Schäden nach Bombenangriffen. Schon daraus wird klar, daß die Zwangsarbeiter damals ein normaler Anblick im Stadtbild waren. Vielleicht manchmal zu normal, um bei denen, die sie sahen, Nachdenklichkeit auszulösen oder die Frage, unter welchen Bedingungen diese Menschen eigentlich lebten.

Das Außenlager Lichterfelde war kein Vernichtungslager, nicht einmal im Sinne der berüchtigten Devise "Vernichtung durch Arbeit", aber seine Insassen waren Mißhandlungen und Demütigungen ausgesetzt, wie sie auch aus anderen KZs bekannt sind. Stundenlanges Strafestehen oder Prügel gehörten zum Alltag, Fluchtversuche wurden mit Erhängen geahndet. Und zumindest einzelne SS-Angehörige aus der Wachmanschaft nutzten die Macht, die ihnen gegeben war, genüßlich aus.

Kann man das Leid, den Bruch in der Lebensgeschichte, die Demütigungen, die viele dieser Menschen erfahren mußten, überhaupt mit Geld wieder gut machen? Immer, wenn es um Schadensersatzansprüche jenseits eines rein materiellen Schadens geht, muß die Antwort auf diese Frage unbefriedigend bleiben. Das Leben eines Menschen kann man nicht in Geld aufwiegen. Das ist eine Binsenwahrheit. Deswegen ist es schlechterdings unmöglich zu sagen, welche Entschädigung "angemessen", welche "unangemessen" ist. Deswegen kann auch kein Betrag, wie große oder klein, wirklich jemals ausreichen. Trotz allem aber macht eine Entschädigung Sinn. Zum einen, weil sie dazu beitragen kann, bestehendes Leid zu lindern. Wichtiger aber ist das, was auch bei einer materiellen Entschädigung über das rein Materielle hinausgeht: Das Anerkenntnis, daß Leid zugefügt wurde, für das ein Anspruch auf Wiedergutmachung besteht, auch wenn diese nur unvollständig geleistet werden kann. Auf jeden Fall aber schulden wir diesen Menschen, sie und ihr Leid nicht zu vergessen und dafür einzutreten, daß das mahnende Beispiel der Geschichte eine Wiederholung verhindert. Von dieser Verpflichtung kann uns keine Entschädigung, wie hoch sie auch ausfallen mag, freikaufen, und wir tun gut daran, dabei zuallererst vor der eigenen Tür zu kehren.

Die Errichtung des Gedenksteins für die Zwangsarbeiter von Lichterfelde ist ein wichtiger Schritt in dieser Richtung. Er wurde übrigens von der Baufirma – der Wohnbau GmbH Bonn – finanziert. Ob diese Firma in der Zeit des Nationalsozialismus Zwangsarbeiter beschäftigt hat, wissen wir nicht. Es ist erfreulich, daß sie unabhängig davon diesen praktischen Beitrag zur Wiedergutmachung geleistet hat. Es wäre schön, wenn es mehr solche Beispiele gäbe.

Arbeitslager Lichterfelde-Süd

Anm. d. Red.: Das ursprünglich zu diesem Artikel abgebildete Foto (links) zeigt nicht das KZ-Außenlager, sondern das von der Reichsbahn errichtete Arbeitslager Lichterfelde-Süd. Ab 1.12.1939 wurde es Kriegsgefangenenlager der Wehrmacht. Lage: Osdorfer Str.1, Ecke Landweg, gegenüber des Sportplatzes.

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