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17.7.2018

Opfer und Täter

von Lutz Poetter

Meine  Aussage im SCHLÜSSEL vom September 2000 konnte offenbar mißverstanden werden: Kein deutscher Soldat fiel ehrenhaft, weil der ganze nationalsozialistische Krieg verbrecherisch war. Selbstverständlich wollte ich niemanden persönlich beleidigen. Es geht mir auch nicht darum, persönliche Motive von toten Kriegsteilnehmern nachträglich ins Zwielicht zu rücken und deren Hinterbliebene zu verletzen.

So muss ich noch einmal erklären, worum es mir geht im Rückblick auf den Krieg.

Aus der Erinnerung an den II. Weltkrieg kommt der Impuls, das sich Vergleichbares nicht wiederholen darf: Nie wieder soll ein Krieg von Deutschland ausgehen. Was aber war das für ein Krieg? Was soll sich denn da nie wiederholen?

Der Krieg und die Vernichtung in Gefängnissen und Lagern waren die beiden Seiten ein und derselben nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Der ganze Krieg war ein Verbrechen: Überfall und Unterwerfung der Nachbarvölker, Ausbeutung und Vernichtung vieler Völker im Namen eines wahnsinnigen Welt – Herrschaftsanspruches der Deutschen. Jeder Meter Front, jede militärische Aktion, jeder Soldat, der sich daran beteiligte waren Teil dieses verbrecherischen Krieges. Es gab keinen Krieg ohne oder neben nationalsozialistischer Gewaltpolitik, deutsche Soldaten waren nicht auch, sondern vollkommen in diese verstrickt.

Bei der Beurteilung des II. Weltkrieges geht es um diese Tatsachen und gerade nicht um die Motive einzelner Beteiligter. Die Nazi-Propaganda pflanzte über dem Unmenschlichen das Banner des Guten auf. Das Dämonische lauerte gerade hinter dieser Tarnung: Die grauenhafte Fratze des Faschismus trug die Larve des Hehren, Heldenmütigen, Sieghaften. Hehre Worte begleiteten die schändlichen Taten: Volk und Vaterland, Heimat und Rasse, Blut und Boden, Zucht und Ordnung, Führer und Vorsehung, unerschütterlicher Glaube an den Endsieg des Deutschtums über die Welt der Feinde – alles höchste Werte! Der Kampf gegen den Bolschewismus, das Weltjudentum, den Pazifismus war positiv gemeint. Und selbst die Unterjochung der "Untermenschen", Ausmerzung der "Volksfeinde", Eroberung des Ostraumes und die "Endlösung der Judenfrage" waren durchaus Ideale, für die es sich lohnte zu kämpfen und Opfer zu bringen – fremde und eigene. Der von Hitler befohlene Untergang der 6. Armee in Stalingrad und der "Totale Krieg" offenbarten es vollends: Das faschistische Weltbild gipfelte in einem gigantischen Opfermythos, der viele Völker und zuletzt auch das eigene Volk in den Untergang reißen sollte. Hitler empfand sich übrigens immer als Gegner des Christentums – besser als die Deutschen Christen, die sich ihm anbiederten wusste er, dass es ein "arisches" Christentum nie geben kann, weil die Verbindung zur jüdischen Wurzel unseres Glaubens nicht getrennt werden kann. Christentum und Führerkult waren für die Führungselite unvereinbar. "Führer befiehl – wir folgen, bis zum letzten Mann, bis zur letzten Patrone, bis zum letzten Blutstropfen. Unsere Ehre heißt Treue."

Ehre und Treue – vielleicht sind diese die beiden Begriffe, die im Dritten Reich am schlimmsten korrumpiert wurden – nicht nur beim "Heldengedenken".

Wer wollte unzähligen Deutschen absprechen, dass sie das "Gute" von ganzem Herzen gewünscht haben, auch wenn tatsächlich das entfesselte Böse daraus entstand? Und was nützt es, das reale Böse nicht gewollt zu haben, das eben doch von deutschem Boden ausging? Natürlich ist auch das eigene deutsche Volk Opfer der Nazi-Tyrannei geworden: Getäuscht, betrogen, verleitet, in fremden Heimatländern bei Schlachten sinnlos geopfert, im eigenen Land gnadenlos der Zerstörung preisgegeben – und am Ende des größten Führers aller Zeiten unwürdig, ohne Recht auf ein Weiterleben, zynisch verhängt von ihm selbst... Aber waren unsere Opfer nicht zuerst – Täter?

Erinnerung kann nur dann die Wiederholung eindämmen, wenn sie scharf ist. Sie muss die Dinge beschreiben, wie sie waren – den Nebel verscheuchen und die Wahrheit ans Licht bringen. Das hat nichts damit zu tun, die Motive handelnder Personen nachträglich ins Zwielicht zu ziehen. Das Zwielichtige gehört bereits zur ursprünglichen Tat. Klarheit bringt eben diese Unterscheidung: Wer war Täter und wer war Opfer? Die Beschwörung des Krieges als des großen Gleichmachers hilft da wenig. Wie berührt es wohl Überlebende von Kriegsverbrechen, von Konzentrationslagern, wenn man scharfsinnig über die theoretische Ambivalenz von Tätern und Opfern räsoniert? Sie waren nun einmal die Opfer und kannten ihre Peiniger als Täter. Ist dies nicht der schwerer wiegende Teil der Entschädigung – dass man – vor allen Geldzahlungen – den Geschädigten ihre Würde lässt – als Opfer? Und auch im 1.Buch Mose ist es klar: Kain erschlug seinen Bruder Abel. Kain ist der Mörder, Abel sein Opfer – nicht umgekehrt.

Einer meiner theologischen Lehrer Helmut Gollwitzer nahm als unbewaffneter Sanitäter am Rußlandfeldzug teil. Als Pfarrer der Bekennenden Kirche war seine Gegnerschaft zu nationalsozialistischer Ideologie und Kriegspolitik evident. Männer wie er kamen an die Front, um zu sterben. Diese Zeit an der Ostfront und die anschließende russische Kriegsgefangenschaft beschrieb er uns Studenten immer wieder. Seine Erinnerungen hat er in seinem Buch "Und führen, wohin du nicht willst" aufbewahrt. Gollwitzer wusste zu unterscheiden zwischen Wehrmachtssoldaten und SS-Schergen beim mordbrennenden Rückzug, dennoch übernahm er Verantwortung: "Wir waren es", bekannte er, obwohl er für sich in Anspruch nehmen konnte, persönlich niemandem Leid zugefügt zu haben. Seine eigenen Jahre im Gefangenenlager empfand er als Wiedergutmachung für die von Deutschen dem russischen Volk angetanen Verbrechen. Und er wollte den Nachgeborenen ein wahrhaftiges Zeugnis geben, was damals geschah. Er tat dies in einer Zeit kollektiver Verdrängung. Ich gedenke Helmut Gollwitzers als eines Mannes der Kirche, der ankämpfte gegen die "Unfähigkeit zu trauern", die der Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich im Nachkriegsdeutschland als Volkskrankheit diagnostizierte. Die Selbstgerechtigkeit fand er gerade nicht in der Erinnerung, sondern in ihrer Verweigerung bis zur totalen Amnesie.
Was wäre daran selbstgerecht, die Dinge beim Namen zu nennen, zu unterscheiden, wo Unterscheidungen notwendig sind?

Ich bin sieben Jahre nach Kriegsende geboren. Der Krieg ist die Erfahrung meiner Vorfahren. Über sie kann und will ich mich nicht erheben oder gar richten. Wie ich mich verhalten hätte an ihrer Stelle damals – ich weiß es nicht. Meine Großväter nahmen am 1. Weltkrieg teil. Mein Großonkel Lothar und mein Vater Helmut waren beide Soldaten im 2. Weltkrieg, wenn auch auf verschiedenen Seiten. Nach Hitlers Machtergreifung schämte sich Lothar, Deutscher zu sein. Er emigrierte nach Frankreich, nannte sich Poitier wie seine hugenottischen Vorfahren, die vor Generationen wegen der Toleranz nach Preußen eingewandert waren. Er vermied fortan seine deutsche Muttersprache. Als Offizier der Resistance wurde er 1944 von der SS in Paris verhaftet und als Kollaborateur hingerichtet. Er ruht auf dem Friedhof Père Lachaise. Muss ich die Meldung der Gestapo erwähnen, dass er unehrenhaft sein Leben verlor?

Mein Vater Helmut wurde im April 1945 als fünfzehnjähriger Hitlerjunge Soldat. Nach kurzer militärischer Ausbildung in Schwedt/Oder sollten er und seine Klassenkameraden den Vormarsch der Roten Armee mit der Panzerfaust aufhalten. Die meisten fielen sofort. Die regulären Wehrmachtsverbände befanden sich längst auf dem Rückmarsch in die Reichshauptstadt Berlin. Ihnen schloss sich Helmut an – Treffpunkt Reichssportfeld war als Parole für den Endkampf gegen Russland ausgegeben. Um ein Haar wäre auch mein Vater gefallen – allerdings nicht durch eine russische Kugel. SS-Männer – sogenannte "Kettenhunde" hinter der Front – hatten den jungen Soldaten als "Deserteur" aufgegriffen: Weil er keinen ordentlichen Marschbefehl vorweisen konnte, wollten sie ihn wegen Feigheit vor dem Feind standrechtlich erschiessen. Sein Leben verdankte mein Vater dem beherzten Eingreifen der älteren Wehrmachtssoldaten: Sie "überzeugten" die SS-Leute mit durchgeladenen Gewehren, dass sie den Jungen laufen lassen sollten... Zuhause angekommen, verriet ihn der Blockwart, der gerade seine SA-Uniform verbrannt hatte an die Rotarmisten. "Ein Soldat versteckt sich im Haus!" Helmut verbarg sich unter den Sandsäcken auf dem Dachboden, als die Besatzungssoldaten nach ihm suchten. Die niedersausenden Bajonette verfehlten ihn nur knapp. Der Anführer der Rotarmisten kam später noch einmal wieder in die Wohnung. Er fand den hochaufgeschossenen Jungen bei seiner Mutter in der Küche – "nix Soldat", meinte er und legte ein Brot auf den Küchentisch.

Der Junge mit der Panzerfaust – die Erinnerungen und Bilder vom Krieg haben meinen Vater niemals losgelassen. Tag und Nacht standen sie ihm vor Augen. Irgendwie ist er dieser Junge lebenslänglich geblieben. Das Bild lag neben ihm, als er starb. Aus der Erinnerung kam sein tiefer Hass auf Kriege und Waffen, die so viele Menschenleben kosteten. Aber nicht im schlimmsten Albtraum hätte er geglaubt, sein Leben und das seiner Klassenkameraden wäre für "sein Vaterland" geopfert worden. Er setzte sich ein für Aussöhnung und Völkerverständigung in Europa. Lebte er noch, wäre er ebenso überrascht wie ich von der neuen Sorglosigkeit im Umgang mit der deutschen Vergangenheit. Die Kirche sollte diesen Trend jedenfalls nicht mittragen, auch wenn uns manche deswegen den Rücken kehren. Unser Motto lautet doch: Wachsen gegen den Trend! Das stimmt gerade auch in diesem Fall.

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