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16.10.2018

Erinnerungsarbeit als Ermutigung zum Frieden

von Bischof Dr. Wolfgang Huber

"Ich sah, welchen Weg mein Volk ging. Aber ich will es heilen und führen und wiederum trösten, seinen Trauernden schaffe ich Lob auf den Lippen. "
In unserer Kirche bildet dieser prophetische Satz das Leitwort für den Monat November – den Monat, der so stark durch die Erinnerung an Leid, an Tod und an gewaltsames Sterben geprägt ist. Am 9. November, diesem deutschen Schicksalstag, haben wir hier in Berlin unter den vielschichtigen Bedeutungen dieses Tages die Erinnerung an die Reichspogromnacht in den Vordergrund gerückt; die beschämenden neuen Ausbrüche von Antisemitismus haben uns dazu veranlasst. Dann kam am vergangenen Sonntag der Volkstrauertag, an dem wir nicht nur der Opfer vergangener Kriege, sondern auch gegenwärtiger Konflikte gedacht haben. Auch die Opfer rechtsextremer Gewalt in unserem eigenen Land hat Bundespräsident Johannes Rau in sein Gedenken einbezogen.

Vor zwei Tagen haben wir im evangelischen Bereich den Buß- und Bettag begangen; ein Feiertag ist dieser Tag geblieben, auch nachdem ihm der staatliche Schutz entzogen wurde. In unserer Kirche war er insbesondere durch die Erinnerung an Menschen geprägt, die als Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter während des Zweiten Weltkriegs in Deutschland lebten und arbeiteten – in aller Regel gegen ihren Willen genauso wie gegen das Völkerrecht. Auch sie wurden Opfer von Gewalt. Heute, nach 55 Jahren, suchen wir nach den wenigen Überlebenden. Und wir drängen darauf, dass sie eine wenigstens symbolische Wiedergutmachung erfahren – und zwar so schnell wie möglich; denn Tag für Tag sterben weitere unter den wenigen, die übrigblieben.

Den Spannungsbogen dieser Novembertage fängt das Prophetenwort, das ich zitierte, in treffender Weise ein, wenn es an die Trauer anknüpft und ihr die Zusage der Heilung entgegenstellt, wenn es die Klage ernst nimmt, aber doch den Weg zum Lobpreis öffnet. Gewiss: Bis Menschen, die Schreckliches erlebt und gesehen haben, in die Worte des Propheten einstimmen können, bedarf es einer langen Trauerarbeit; denn sie erst macht Heilung möglich.

Das ist der Horizont, in dem ich die Arbeit des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge verstehe und mit großem Respekt begleite. Unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg hat sie begonnen. Nur für kurze Zeit wurde sie ins Zwielicht gerückt – für jene Zeit, in der man den Volkstrauertag" in einen "Heldengedenktag" umfunktionieren wollte. Das geschah in den Jahren des "Dritten Reichs".

Davor wie danach hat man gewusst, dass die Erinnerung an die Toten der beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts nur dann angemessen ist, wenn sie sich der Verherrlichung des Krieges nicht unterwirft, sondern sich ihr widersetzt. Aber gerade wenn das geschieht, kann man den Toten ein ehrendes Andenken bewahren. Gerade wenn wir der Erinnerung an sie den Impuls dazu entnehmen, dass sich Vergleichbares nicht wiederholen darf, können wir darauf verzichten, die Motive, aus denen Menschen für ihr Vaterland in den Krieg zogen, nachträglich ins Zwielicht zu rücken.

Gewiss waren auch deutsche Soldaten ins Grauen der nationalsozialistischen Gewaltpolitik verstrickt. Aber so sehr sie zu deren Instrumenten wurden, so sehr waren sie doch auch deren Opfer. An diesem Beispiel jedenfalls kann man Opfer und Täter nicht gegeneinander ausspielen. Deshalb führt es in die Irre, wenn man von deutschen Soldaten pauschal sagt, sie seien nicht als Opfer, sondern als Täter gefallen. Dass eine solche Redeweise die Hinterbliebenen verletzt, kann nicht verwundern.

Gewiss muss man zwischen dem im KZ ermordeten Juden und dem SSMann, der ihn bis zum Ende drangsalierte, unterscheiden. Gewiss braucht man eine klare Trennlinie zwischen den Zwangsarbeitern und denen, die sie zu ihrer Arbeit nötigten. Trotzdem trägt die rückblickende Einordnung in vielen Fällen einen selbstgerechten Charakter. Der Krieg, der große Gleichmacher, verwischt solche Unterscheidungen. Auch diejenigen, die willig oder unwillig – als Instrumente der Täter eingesetzt waren, konnten zu Opfern werden. Und die vermeintlich Unschuldigen wurden bisweilen zu Tätern, denen plötzlich die tötende Gewalt in der Hand lag. Kain ist auch Abel; aber Abel wird auch zum Kain. Täter werden Opfer; aber auch Opfer verwandeln sich in Täter Zu meinen väterlichen Freunden gehörte einer meiner theologischen Lehrer. Im letzten Jahr des Ersten Weltkriegs war er zur Welt gekommen. An dem Tag, an dem er 1937 zum Studium aufbrechen wollte, wurde er in den Arbeitsdienst des "Dritten Reichs" eingezogen. Der Militärdienst und dann der Zweite Weltkrieg, die deutsche Niederlage und dann die russische Kriegsgefangenschaft schlossen sich an. Vierzehn Jahre nach dem geplanten Aufbruch ins Studium fand er sich wieder an dem Punkt vor, an dem er schon 1937 gewesen war. Welche Erfahrungen lagen dazwischen! Er war in verantwortliche militärische Positionen aufgestiegen und hatte seine Verantwortung so genutzt, dass er die eigenen Kameraden vor dem Soldatentod zu bewahren versuchte. Auch sein eigenes Leben wurde dabei bewahrt; aber beschädigt war es gleichwohl.

War er nun Täter oder Opfer? Hatte er die Zeit des Zweiten Weltkriegs ehrlos hinter sich gebracht? Nie käme mir ein solches Urteil über die Lippen. Aber zu den Konsequenzen, die er aus seiner Erfahrung zog, gehörte es, dass er zu den Vätern der Friedensforschung in Deutschland wurde. Er wollte dazu beitragen, dass sich Vergleichbares niemals wiederholen sollte. Er setzte sich dafür ein, dass für die Bewältigung internationaler Konflikte andere Formen entwickelt werden. Zu seinen wichtigsten Zielen gehörte, dass das Völkerrecht nicht noch einmal auf ähnliche Weise mit Füßen getreten wird.

Von ihm, von Heinz Eduard Tödt, habe ich den Geist des Erinnerns gelernt. In diesem Geist will ich in der Toten gedenken, die in den Weltkriegen des 20. Jahrhunderts starben.

Gefallene – welch ein merkwürdiges, beschönigendes Wort! Wer gefallen ist, kann wieder aufstehen. Vielleicht ist es in der dunkelsten Zeit des vergangenen Jahrhunderts nicht möglich gewesen, die Bilder des Krieges, zerrissene Leiber und bis zur Unkenntlichkeit verstümmelte Körper von Soldaten, aber auch von Frauen und Kindern in andere Worte zu fassen. Wer könnte das auch ertragen, wenn es in all seiner Brutalität beschrieben würde?

Trotzdem gehört es zu unseren Aufgaben, für kommende Generationen deutlich zu machen, dass die verbrämende Rede von "Gefallenen" zur Sprache des Krieges und seiner Folgen gehört. Das Wort gehört zu einer Sprache, von der wir wünschen, dass sie hinter uns liegt.

Hinter uns liegen sollte überhaupt die vorschnelle Art, Menschen zu klassifizieren. Auch die große Zahl der Kriegstoten darf die Kultur der Achtsamkeit nicht auslöschen, in der wir die Einzelnen in ihrer Biographie wahrnehmen und ernstnehmen. Dass diese Biographie durch die Gewalt des Krieges abbrach, darf sie nicht wertlos machen. Auch wenn die Biographie vieler Menschen dadurch zum Fragment wurde, haben wir danach zu fragen, wie das Ganze gemeint war. Noch einmal sage ich: Die Kategorien von "Tätern" und "Opfern" helfen dabei in den meisten Fällen nicht.

Gekürzter Festvortrag bei der Jubiläumsveranstaltung zum fünfzigjährigen Bestehen des Landesverbands Berlin im Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge am 24. November 2000 im Berliner Dom.

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