Evangelische Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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23.9.2019

Ahlfantzereyen

von Lutz Poetter

Die Weihnachtsverordnung

Am Tag vor Heiligabend 1739 ließ König Friedrich Wilhelm von Preußen, der harte Vater Friedrichs II., folgende Kabinettsorder ergehen:

»Wir vernehmen mißfällig, wie noch bisher der Gebrauch gewesen, daß am Christ-Abend vor Weynachten Kirche gehalten, das Quem pastores gesungen worden, und die Leute mit Cronen oder Masquen von Engel Gabriel, Knecht Rupprecht undsoweiter gegangen, auch dergleichen Ahlfantzereyen mehr getrieben werden. Wenn wir aber solches Unwesen nicht mehr gestattet wissen wollen, so befehlen wir euch (den Superintendenten) hierdurch allergnädigst, den Tag vor Weynachten die sämtlichen Kirchen des Nachmittags schließen zu lassen und überall in eurer Inspektion scharf zu verbieten, daß sowenig die so genandte Christ-Abend oder Christ-Nachts-Predigten weiter gehalten noch das Quem pastores weiter gesungen oder andere dergleichen bisher üblich gewesene Ahlfantzereyeri mehr getrieben werden. Also wofür und daß solches nicht weiter in denen Kirchen geschehe, ihr responsable seyn solle.

Seynd euch in Gnaden gewogen. Gegeben in Berlin, den 23. Dezember 1739.«

Liebe Gemeinde,

gibt es eigentlich irgend etwas, was so richtig typisch für uns ist? Sozusagen echt und typisch deutsch? Was macht uns Deutsche unverwechselbar im Kreis der Völker? Auf welche Eigenart, welche Errungenschaft sind wir besonders stolz als Deutsche?

Ist es deutsche Gründlichkeit oder deutsche Wertarbeit? Sauerkraut und Kartoffeln, die uns gerne von anderen als Nationalgerichte angedichtet werden? Deutsches Bier – gebraut nach dem Reinheitsgebot von 1600 oder deutsches Brot – zünftig gebacken, gehaltvoll und gesund? Stars made in Germany wie Boris Becker und Claudia Schiffer – erfolgreich und attraktiv?

Deutscher Fußball ist zur Zeit wohl kein besonderes Markenzeichen, deutscher Humor ebenso. Ist es vielleicht unser berühmter Schäferhund oder der viel besungene deutsche Wald, der untrennbar mit dem deutschen Wesen verbunden ist?

Im sogenannten Zeitalter der Globalisierung dürfte es gar nicht so einfach sein, "typisch deutsch" zu definieren. Zum Glück scheint es aber eine Ausnahme zu geben: Weihnachten. Deutsche Weihnachten! Wetten: Wir Deutschen sind die amtierenden Weltmeister in Sachen Weihnachten, wenigstens fühlen wir uns so.

Nirgendwo auf der Welt wird so inbrünstig Weihnachten gefeiert wie bei uns. Adventskranz und Lebkuchen, Weihnachtslied und Weihnachtsmann, Weihnachtsbaum und Weihnachtsgans – feierlicher, gemütlicher, andächtiger geht es einfach nicht als in der deutschen Weihnachtszeit. Und was so tief in der deutschen Seele verwurzelt ist, war das nicht schon immer so?

Unsere germanischen Vorfahren saßen sicherlich Heiligabend unterm Weihnachtsbaum. Auf Kinderbildern von der Geburt Jesu hat das göttliche Kind blonde Haare. Neben dem Stall steht eine Tanne. Bethlehem liegt tief verschneit. Irgendwie erinnert es an eine unserer mittelalterlichen Dorfauen mit Feldsteinkirche, die wir im Berliner Stadtgebiet verstreut finden. Muss das nicht idyllisch gewesen sein: Weihnachten, früher?

Erst traute ich meinen Augen kaum, als ich in der Sakristei der Dahlemer Sankt Annenkirche die Kabinettsorder von 1739 entdeckte. Denn Friedrich Wilhelm König von Preußen und Bischof aller evangelischen Christen im damaligen Königreich war nicht gerade ein Freund weihnachtlicher Volksfrömmigkeit. Den Superintendenten befahl er, alles scharff zu verbieten: Krippenspiel und Weihnachtschöre, Gottesdienste und Christ-Nachts-Predigten an Heiligabend. Als Mann soldatischer Gesinnung forderte er Disziplin auch in kirchlichen Dingen. Weihnachten als volkstümliches Freudenfest für alle Sinne – diese Vorstellung war für den Monarchen schlichtweg grauenhaft. Die Kirchen sollten fest verschlossen bleiben am 24. Dezember... Ein knapper Wortgottesdienst am 1. Weihnachtstag musste reichen. Bloß keine Ahlfantzereyen! Man lese einmal aufmerksam die königliche Weihnachtsverordnung. Wir möchten ihm erwidern: "Majestät, wir wissen leider im Jahr 2000 nicht mehr, was Ihre Durchlaucht mit diesem Ausdruck Despektierliches gemeint haben, melden jedoch untertänigst, dass wir auch diesmal am Heiligen Abend unsere Kirchen in der Gemeinde Petrus-Giesensdorf aufschließen werden und – pardon – jede Menge Ahlfantzereyen treiben wollen: Weihnachtsbaum und Krippenspiel, Orgel, Chor und Christ-Nachts-Predigten – für unsere üblichen Weihnachtsfeiern zur Geburt unseres Herrn, den die Hirten lobeten sehre wollen wir auch diesmal gerne responsable seyn. Fröhliche Weihnachten, Majestät und bleibt Ihr uns trotzdem in Gnaden gewogen, Herr König!"

Nota bene: Wir leben im Heute, und wir befinden uns im stetigen Wandel. Es muss nicht immer schon so gewesen sein. Und es muss auch nicht immer so bleiben. Morgen darf es eben anders sein, denn wir vertrauen den neuen Wegen, die der Geist Gottes uns leitet. Bereitschaft zum Wandel – ein typisch evangelisches Verhalten?

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