Evangelische Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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6.12.2019

Wozu gedenken?

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Der Monat November mit seinen dunklen Tagen ist traditionell ein Monat des Totengedenkens. Für manchen immer noch Anlass genug, wieder einmal einen Bummel über den Friedhof zu machen, sei es, um das Grab eines Angehörigen zu besuchen, sei es einfach nur so, um die Ruhe und die melancholisch schöne Stimmung auf sich wirken zu lassen.

Foto: Lutz Poetter

Friedhöfe sind immer auch Orte der Erinnerung. Gemäß dem Sprichwort "De mortuis nihil nisi bene – über Tote nur Gutes" möchte man vor allem die guten Erinnerungen bewahren. Was beim einzelnen Individuum meist gelingt, wird schwierig, wenn eine ganze Gesellschaft versucht, sich an die eigene Vergangeheit zu erinnern, die nicht immer gut war. Auch diese Erinnerungen haben sich vielerorts in Stein manifestiert. Manchen in diesem Lande treiben diese unguten Erinnerungen um, und Einzelne treibt es dazu, den Hass gegen sie durch Gewalt gegen Grab- und Gedenksteine auszudrücken. Politiker reden dann gerne von "abscheulichen Verbrechen". Durch die Verwendung des Wortes "abscheulich" macht man klar, dass man damit nichts zu tun hat, nichts zu tun haben will und sich von der Tat distanziert. Aber haben wir ein Recht dazu? Wir haben insofern ein Recht dazu, als wir so etwas nicht tun würden, aber wir müssen uns auch fragen, wie es mit der Erinnerungskultur in unseren Lande steht, zu der wir alle das Unsrige beitragen.

Gehen wir zurück zu den Friedhöfen. Dort lassen sich mehr und mehr Menschen anonym bestatten. Was treibt sie dazu? Es gibt sinnvolle praktische Erwägungen zugunsten der anonymen Bestattung, insbesondere der Wegfall der Grabpflege. Aber wird man einem emotionalen Bedürfnis wie Gedenken und Erinnerung mit praktischen Erwägungen gerecht? "Aber wer wird sich denn noch an mich erinnern?" mag der Befürworter der anonymen Bestattung fragen. Die Frage kommt meist nicht von ungefähr. Familien sind heute oft kleiner als früher, aber vor allem räumlich weiter verteilt. Oma lebt in München, der Sohn in Hamburg, die Enkelin hat gerade einen neuen Job in Berlin angenommen. Wer wird das Grab nach Omas Tod pflegen, wer wird es besuchen? Diese Fragen hört man oft. Nur selten wagt jemand die andere Frage zu stellen: Und wohin sollen der Sohn, die Enkelin gehen, um an ihre Mutter und Großmutter zu denken, wenn aus praktischen Gründen auf eine traditionelle Bestattung verzichtet wurde? Gedenken braucht kein Grab, aber weil wir Menschen sinnliche Wesen sind, helfen uns Orte, Gegenstände, Gerüche die Erinnerung zu bewahren. Wie können wir uns erinnern, wenn wir die Erinnerung zur reinen Herzenssache erklären, ohne ihr einen festen Ankerplatz in der realen Welt zu geben? Und welche Ehrfurcht vor den Toten können wir noch erwarten, wenn mehr und mehr Menschen die Erinnerung an die Toten – und meist heißt das: an sich selbst, denn üblicherweise wünschen die Verstorbenen, nicht die Angehörigen eine anonyme Beisetzung – so gering schätzen?

Die Erinnerungsunkultur beginnt also nicht dort, wo Menschen Grabsteine umstürzen, sondern dort, wo sie anfangen, das eigene Bedürfnis nach Erinnerung zu verleugnen. Wir haben es verlernt, die Kette der Erinnerung als ein verknüpfendes Band zu sehen, das Vergangenes und Zukünftiges verbindet und unserer Existenz Sicherheit und Halt geben kann.

So ist die Erinnerung häufig nur noch eine Last, die viele gerne abschütteln möchten. Dazu hat sicher auch beigetragen, dass man aus einer Erinnerungskultur häufig einen Erinnerungsterror gemacht hat.

Oft wird uns das Erinnern von außen aufgedrängt und eben deswegen als Last empfunden. Wieder und wieder haben wir uns anhören müssen, dass wir nicht vergessen dürfen, dass wir uns erinnern müssen. Kein Wunder, dass man daran dann irgendwann nur noch als an eine lästige Pflicht denkt! Wo bleiben die Stimmen, die uns die frohe Botschaft verkünden, daß wir uns erinnern dürfen, daß wir nicht vergessen (oder verdrängen) müssen?

Erinnern ist manchmal schmerzhaft und nicht immer konfliktfrei, vor allem nicht, wenn es nicht nur um eine individuelle Erinnerung, sondern um die geteilte Erinnerung einer Gemeinschaft geht. Unsere Erinnerung ist nie ein getreues Abbild des Vergangenen. Das kann und soll sie auch gar nicht sein. Ein möglichst genaues Abbild der Vergangenheit zu konstruieren, gehört zu den Aufgaben des Historikers. Unsere Aufgabe dagegen ist es, das Vergangene zu bewahren, zu betrachten und auszuwählen – machmal auch immer wieder neu auszuwählen – welche Bilder unserer Vergangenheit wir für unser Leben mitnehmen und an die Zukunft überliefern wollen.

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