Evangelische Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

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18.9.2019

Hin- und hergerissen zwischen Leben und Tod

von Pfr. Dr. Peter Neumann

Foto: Lutz Poetter

Das sind wir vor allem dann, wenn es uns betrifft, wenn ein Familienmitglied, eine nahe Freundin lebensgefährlich erkrankt ist oder wir die aus medizinischer Sicht erschütternde Diagnose erhalten, daß mit dem Tod innerhalb weniger Wochen oder Monate gerechnet werden muß.

Da besucht jemand wöchentlich seinen wegen eines Gehirntumors operierten Freund, erst im Klinikum, dann zu Hause, bald darauf statt in der erhofften Reha-Klinik im Hospiz. Nach fünf Monaten stirbt dieser. Während der letzten vier Wochen war kein Gespräch mehr möglich gewesen. Behutsames Berühren und Massieren, liebevolles Zureden, einfühlsames Ausharren am Krankenbett, mehr ist dem Freund zuletzt nicht mehr möglich.

Wie können Glaube und Zuversicht durchgehalten werden, wenn offenbar – zumindest in manch langen Augenblicken – Gott selbst als Schweigender erlebt wird? Wenn Gott nicht im Streben und im aktiven Gebet spürbar ist? Will Gott uns dazu führen, daß es um Öffnung, Loslassen und Hingabe geht? Dass sein Wirken weder machbar noch manipulierbar ist, sondern sich ereignet?

Martin Buber schreibt einmal: " Gott sagt nicht: Das ist ein Weg zu mir, das aber nicht, sondern er sagt: Alles, was du tust, kann ein Weg zu mir sein, wenn du es nur so tust, dass es dich zu mir führt." Kann es reichen, dass es in solchen Situationen ein Weg ist, Gott in der tiefen und wahrhaften Begenung mit einem anderen oder mit mir selbst zu erfahren, ohne daß wir wissen, ohne dass wir fühlen? "Wenn ich auch gleich nichts fühle von deiner Macht, du führst mich doch zum Ziele, auch durch die Nacht", heißt es in der Schlußstrofe eines der bekanntesten Choräle.

Es erfordert Mut, auch Kraft, ohne festes Konzept in die Begegnung mit einem Schwerstkranken zu gehen. Es sind ja zumeist unsere Rezepte, die uns Halt und Orientierung geben, aber wir sind auf diesem Gebiet alle Lernende. Zu glauben heißt auch hier, nicht zu wissen, wohl eher zu vertrauen, im Inneren gewiß zu sein.

Wir werden konfrontiert mit tausend Gedanken, tausend bangen Fragen ohne Antwort: Was wird aus mir? Warum ich? Tut sterben weh? Gibt es Gott? Wie kann Gott das zulassen? Wo ist Gott? – Ein Mensch unter vielen, tastend in stockdunkler Nacht. Draußen pulsiert das Leben, spielen die Enkelkinder. Tausend Lichter, unerreichbar für mich. Ich bin gebrandmarkt, fühle mich hoffnungslos, mutlos, verzweifelte Tränen – wen kümmert's?

In den Gesprächen wird die Frage nach dem Warum umkreist. Mal wird mit Gott gehadert, mal wird er aber auch gespürt. Eine platte Antwort oder ein Psalm würden wohl kaum helfen. Die Antwort kann nicht von außen gegeben werden, man kann nur begleiten auf dem Weg zu einer inneren Antwort. Denn eine Antwort, die nicht von dem Betreffenden gefunden wird, würde ihn/sie gar nicht tragen.

"... gerade der sterbende Mensch spürt ja sehr deutlich, ob wir ihm wirklich als Person, als suchender Mensch begegnen, oder ob wir uns hinter einer Maske, einem Konzept oder einem bestimmten rituellen Verhalten verstecken. Oftmals fühlt er sich dann noch einsamer und verlassener. Er spürt: Der andere scheut die direkte Begegnung mit mir. Er weicht mir aus, versteckt sich, so wie die meisten anderen auch. Den Sterbenden schmerzt es besonders, wenn wir uns so verhalten, weil er sich selbst ja nun oftmals nicht mehr verstecken kann. Er kann sich nicht mehr hinter den großen Leistungen und Taten verstecken oder gut darstellen. Für ihn kann es eine Hilfe sein, wenn auch wir unsere Schwächen zeigen...

In diesen Begegnungen mit der eigenen Wahrheit und der des anderen liegt ein Stück Gotteserfahrung" (Daniela Tausch-Flammer).

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