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20.1.2018

Wie man Geschichte nicht los wird
Leserbrief

von Dietrich Grothe-Jung

Pfarrer Lutz Poetter ist für seinen Beitrag  Zum Thema Zwangsarbeit im SCHLÜSSEL 9/2000 herzlich zu danken. So kann und muss Kirche Farbe bekennen, gerade heute. Aber das Thema mit seinem Symbolgehalt ist damit wohl nicht beendet. Und Herr K. ist nicht der einzige, der offenbar einem deutschen Irrtum unterliegt. Daher noch einige Gedanken hierzu von einem Betroffenen, deutsch, geboren nach dem Krieg:

Am 12. 10. 2000 erschien im TAGESSPIEGEL ein Artikel über "Das vergessene KZ von Lichterfelde". Es war ein Außenlager des KZ Sachsenhausen und lag an der Wismarer Straße. Hier waren 1000 Häftlinge zusammengepfercht, wurden erniedrigt und gequält. Es gibt noch Zeitzeugen, die das Schreien der Misshandelten gehört und nicht vergessen haben. Bei vielen guten Bürgern von Lichterfelde hieß das Lager aber höhnisch "Tennisclub Blauweiß" – wegen der so gestreiften Sträflingskleidung. Die KZ-Insassen hier waren Zwangsarbeiter.

Sogenannte Zwangsarbeiter waren keineswegs Menschen, die "nur" unter Zwang arbeiten mussten. Sie waren fast ausnahmslos Todeskandidaten in der NS-Mordmaschinerie. Ermordet wurden sie nur deshalb nicht bzw. noch nicht alle, weil das Nazi-Regime jeden männlichen Deutschen für die Führung des Vernichtungskrieges brauchte und extremer Arbeitskräftemangel herrschte. Die überlebenden Zwangsarbeiter haben überlebt, weil der Vernichtungskrieg auf die Deutschen zurück gekommen ist – die Befreiung, zu spät für Millionen Opfer, rechtzeitig für einige wenige.

Herr K. will aus der Kirche austreten, weil jetzt – um die Jahrtausendwende – unter großem Getöse die Absicht bekundet und verhandelt wird, den letzten überlebenden Zwangsarbeitern eine Ausgleichszahlung wenigstens für die abgepresste Zwangs-Arbeit anzubieten. Fünfzig Schläge mit dem Gummiknüppel wegen Zuspätkommens beim Appell sind im Preis mit drin. Das lebenslängliche Trauma ist leider unbezahlbar.

Es ist in der Tat schwer erträglich, dass 55 Jahre nach Kriegsende in Deutschland immer noch darüber gerechtet wird, ob und wer ab wann wie viel Ausgleichszahlungen an noch lebende Zwangsarbeiter zu leisten habe. Aber der Skandal ist nicht, dass dieses Thema jetzt politisch-öffentlich behandelt wird, sondern wie das in Teilen der deutschen Öffentlichkeit vor sich geht – und vor allem, dass es erst jetzt auf der Tagesordnung steht. Auch bei den Kirchen.

Herr K. will aber aus der Kirche austreten, weil den Opfern, die noch leben, nach 55 Jahren ein wenig materielle Gerechtigkeit widerfahren soll, weil auf irdische Schuld späte irdische Sühne folgen soll. Auch von Seiten der Kirchen.

Man muss brutales Unrecht offenbar nur lange genug vertuschen, verdrängen, verharmlosen, die Anerkennung von Ansprüchen der Opfer nur unanständig lange verschleppen – schon ist man moralisch gerüstet für selbstgerechte Empörung: "Was denn, immer noch? Wie denn, wir schon wieder?" Tja, wer sonst? So eine Geschichte wie die "tausendjährige" deutsche Geschichte von 1933 bis 1945 ist schon eine böse Geschichte. Wir hätten alle gerne eine andere. Die wir aber nicht haben. Was wir haben lässt sich nicht abstreifen wie Kot vom Schuh – und da bleibt auch immer etwas hängen.

Ein größenwahnsinniges, menschenverachtendes, mörderisches "Tausendjähriges Reich" hat eben entsprechend lange Nachwirkungen. Und alle, die daran mitgewirkt haben, gehören zu den Tätern, wenn auch mit höchst unterschiedlichem persönlichen Schuldanteil: Mittäter, unfreiwillige Täter, naive Täter – aber eben Täter. Es war etwa der polnischen Bäuerin schon 1939 recht egal, ob der deutsche Panzergrenadier ihre Hütte und ihre Kinder mit Begeisterung oder mit einigen Bedenken zerschoss – die Granate sprach nur eine Sprache: Hütte kaputt, Kinder tot. Und danach ging es ja erst richtig los mit der Massenvernichtung.

Sicher, unglaublich viele begeisterte Haupttäter haben in Deutschland, vor allem im Westen, unfassbare Karrieren gemacht – in Politik, Wirtschaft, Justiz, überall. Und viele kleine Mittäter, Mitläufer mussten grausam für Verbrechen büßen, die eigentlich die Haupttäter zu verantworten hatten. Aber ist diese schreiende Ungerechtigkeit in der Tätergemeinschaft ("Volksgemeinschaft" gab es ja plötzlich nicht mehr...) ein Argument für weitere Ungerechtigkeit gegenüber den überlebenden Opfern? Die Opfer sind die Überfallenen, die Verschleppten, die Gequälten, die Ermordeten. Die Opfer, die von der deutschen Kriegs- und SS-Maschinerie nicht unterdrückt und ermordet werden konnten, haben sich gewehrt, letztlich erfolgreich mit Verbündeten und am Schluss manchmal mit denselben unmenschlichen Mitteln. Aber dadurch werden sie nicht etwa zu vergleichbaren Tätern und die Mit-Verursacher des Grauens per salto mortale zu bloßen Mit-Opfern. Wer das immer wieder vermischt und verwischt, schürt damit Zweifel, ob wir eine stabile Gesellschaft aufgeklärter, zivilisierter, zuverlässiger, demokratisch aktiver Menschen sind. Dazu gehört nämlich unabdingbar die Anerkennung geschichtlicher Verantwortung – übrigens egal, wann man geboren ist. Denn Verantwortung wächst nicht nur aus Schuld, sondern aus Erkenntnis und dem Ziel: Nie wieder! Nur so können wir dafür sorgen, dass verbrecherische Wahnvorstellungen nie wieder zu Massenpsychosen und zur Grundlage politischer Entscheidungen werden können. Eigentlich hatten wir es damit – etwa seit 1968 – schon ziemlich weit gebracht.

Und nun müssen wir erleben, wie kahlgeschorene Menschenfeinde mit dem alten Müll im Schädel – getragen von kaum getarnter Sympathie und unverhohlener Verharmlosung – jahrelang Ausländer, Obdachlose, Behinderte, "linke Zecken", Arbeitslose, "Fremde" durch Städte jagen, zu Krüppeln prügeln und ermorden. Die aktuelle öffentliche Empörung ist zunächst wohlfeil und kommt viel zu spät.

Herr K., während wir noch um die alten Opfer braunen Terrors streiten müssen wegen ein paar Silberlingen wurden bereits neue Opfer aus dem alten Ungeist möglich – Brecht hatte ja so furchtbar recht: "Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem dies kroch..."

Herr K., das ist schon wieder unser Problem der Gegenwart und Zukunft. Geben Sie doch den Zwangsarbeitern, was ihnen schon so lange zusteht. Und geben Sie von Herzen! Denn wir müssen uns in dieser Zeit – weiß Gott – anderen Herausforderungen stellen, als der Welt und den Opfern von damals vorzuführen, wie gnadenlos selbstgefällig wir Sparsamkeit exekutieren können, wenn wir endlich unsere uralten Schulden bezahlen sollen. Es ist wahrlich höchste Zeit!

Dietrich Grothe-Jung

PS: Das konkrete Vermögen der deutschen Privathaushalte beträgt z.Z. rund DM 15.000.000.000.000. Genau: Das sind fünfzehntausend Milliarden, alias 15 Billionen DM! (Vgl. "Finanztest" 11/2000 S. 32)

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