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21.11.2018

Zum Thema Zwangsarbeit

von Lutz Poetter

Sehr geehrter Herr K.....!

Ihren Brief habe ich erhalten. Ihre Zeilen reizen mich zum Widerspruch.

Bischof Huber hat unlängst in einer Tageszeitung angekündigt, dass auch die Evangelische Kirche in Deutschland sich am Entschädigungsfonds für NS-Zwangsarbeiter mit DM 10 Mio beteiligen wird. Dies halten Sie für keinen sorgsamen Umgang mit Steuergeldern und möchten deshalb aus der Kirche austreten.

Sie halten insgesamt nichts vom Entschädigungsfonds – dieses späte Zeichen der Versöhnung empfinden Sie als Aufwärmen von Schuldgefühlen. Wiedergutmachung ist Ihnen eine Absurdität, die nur wir Deutschen uns leisten ebenso wie die Erstellung unsinniger, protziger Denkmäler – Sie meinen wohl das Berliner Mahnmal für die ermordeten Juden.

Zwangsarbeiter in einer Werkzeugmaschinenfabrik

"Der Krieg war entsetzlich. Er traf viele Völker, Die wenigsten Deutschen gingen freiwillig an die Front. Viele fielen, auch mein 22-jähriger Bruder."

Ich fürchte, dass Sie es sich zu einfach machen, Herr K. Der Krieg war kein Naturereignis, das über viele Völker kam. Der Krieg ging von Deutschland aus. Wir Deutschen waren die Täter, freiwillig oder unfreiwillig. Deutsche Politiker gaben die Befehle, deutsche Soldaten führten sie aus. Auch Ihr Bruder war Soldat, als er fiel.

Das ist traurig, aber ändert nichts an der Tatsache, dass er als Täter und nicht als Opfer sein Leben verlor. Kein deutscher Soldat fiel ehrenhaft, weil der ganze nationalsozialistische Krieg verbrecherisch war. Der anständige deutsche Landser, auf den wir stolz sein könnten, ist objektiv betrachtet ein Märchen. Den Opfern der deutschen Feldzüge dürfte es egal gewesen sein, ob der einzelne Soldat, der ihr Land verwüstete, sich für persönlich integer hielt. Dasselbe gilt sinngemäß für die pünktlichen, ordentlichen Aufseher in deutschen Konzentrationslagern. Diese Unterscheidung ist substantiell: Wer war Täter? Und wer war Opfer? Sie ist der Schlüssel zur Gerechtigkeit. 1946 wagte die Evangelische Kirche mit dem Stuttgarter Schuldbekenntnis einen ersten Schritt auf dem Weg zur Gerechtigkeit. Die Politik folgte langsam nach. Von deutschem Boden darf nie wieder ein Krieg ausgehen. Versöhnung heißt: Die Erinnerung wachhalten. Strafe den Tätern. Wiedergutmachung den Opfern. Unzählige deutsche Kriegsgefangene haben mit ihrer Arbeit, ihrer Gesundheit, ihrem Leben Wiedergutmachung geleistet – ohne Bezahlung. Das ist gerecht. Und wurde dann auch bei der Rente in Deutschland angerechnet. Und selbst die Witwe des führertreusten SS-Offiziers durfte sich einer auskömmlichen Pension erfreuen.

Nun zu den Zwangsarbeitern, die gegen ihren Willen und ohne nennenswerte Bezahlung für Nazi-Deutschland arbeiten mussten. Ihre Anerkennung, ihr Lohn, ihre Rentenanwartschaften standen bislang noch aus – mehr als ein halbes Jahrhundert nach Kriegsende. Anders als das wirtschaftlich aufstrebende Nachkriegsdeutschland waren ihre eigenen Heimatländer meist nicht zu Entschädigung und Lastenausgleich in der Lage. Deutschland, deutsche Fabriken für militärische und zivile Güter haben von diesen Sklavenarbeitern profitiert – und geschwiegen. Endlich ist die Zeit des Schweigens vorbei. Nach harten Verhandlungen kommt es nun zum Handeln – und zur späten Zahlung an die ehemaligen Zwangsarbeiter, soweit sie noch am Leben sind.

Die deutsche Wirtschaft und die Bundesrepublik Deutschland werden 10 Milliarden Deutsche Mark in den Entschädigungsfonds einzahlen. Das ist einhelliger Konsens quer durch alle demokratische Parteien und alle Wirtschaftsverbände. Das vereinigte Deutschland übernimmt auch ein halbes Jahrhundert nach Kriegsende Verantwortung für angetanes Unrecht, wird Leid lindern und die Erinnerung auch in Zukunft wach halten. Dem dienen Zahlungen und Mahnmäler. Dies alles wiederum dient zuallererst der deutschen Wirtschaft im globalen Geschäft – mit Verdrängern des deutschen Faschismus möchte niemand Geschäfte machen.

Die Kirchen haben als moralische Institution immer wieder auf Versöhnung und Wiedergutmachung gedrängt. Nun erweist sich, dass auch sie in ihrem eigenen Wirtschaften auf die Rekrutierung von Zwangsarbeitern angewiesen waren. Bischof Huber räumt diese Verstrickung ein. Dass unsere Kirche nun nachträglich ihren eigenen Zwangsarbeitern einen symbolischen Lohn zahlt, ist recht und billig. Recht deshalb, weil die Kirche selber das ernst nehmen muss, was sie anderen predigt. Und billig ist es ebenfalls, sich mit DM 10 Mio am Fonds zu beteiligen – gerade einmal ein Promille der Gesamtsumme von DM 10 Milliarden.

Sie halten das für eine Verschwendung von Kirchensteuermitteln. Rechnen wir mal! Die Evangelische Kirche in Deutschland zahlt DM 10 Millionen. Bei 24 Gliedkirchen entfällt also auf jede Landeskirche ein Betrag von rund DM 417.000, Die Landeskirche Berlin – Brandenburg hat 1.6 Millionen Mitglieder. Davon zahlen natürlich nicht alle Kirchensteuer. Ziehen wir einfach mal 600.000 Kinder, Jugendliche und Rentner ab, dann bleibt eine Million zahlender Gemeindeglieder Nominell zahlt also jeder und jede 42 Pfennig in den Entschädigungsfonds für NS-Zwangsarbeiter. 42 Pfennig sollte uns dieses Zeichen der Versöhnung schon wert sein.

Mit freundlichen Grüßen

Pfarrer Lutz Poetter

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