Kulturarbeit in der Petruskirche
Ein Rückblick
von Gisela Kürschner und Rolf Reisert, 2002

Rettet die Petruskirche!
Mit viel Liebe und Einsatz hat die Petrusgemeinde ihre Kirche nach dem 2. Weltkrieg
wiederhergestellt. Als die neue Orgel in den 60er Jahren feierlich eingeweiht
wurde, dachten wohl alle: Nun ist es geschafft! Unsere Kirche ist fertig und gerüstet
für die nächsten Generationen.
Doch es kam anders. Die Ölkrise zwang uns wegen der hohen Heizkosten im
Winter die Kirche zu schließen. Die Orgel litt darunter erheblich, der Holzbetonfußboden
zog Kondenswasser und wurde zu einer Schlitterbahn. Die Finanzlage
verschlechterte sich mehr und mehr. Die Unterhaltungskosten für die freistehende
Platzkirche waren in Relation zur Nutzung viel zu hoch.
Am 2. Advent 1978 feierten wir das 80. Kirchweihjubiläum
– als Trauergottesdienst. Sollte dies der Abschied
der Gemeinde von ihrer Kirche sein? Die im Anschluss
an den Gottesdienst einberufene Gemeindeversammlung
beschloss damals:
Wir retten die Petruskirche für Lichterfelde. Wir wollten
die Kirche im Dorf lassen. Als Gemeinde wollten wir sie
rentabler nutzen, als eine Kirche für das Gemeinwesen,
als Ort dezentraler Kulturarbeit, als Begegnungsstätte
für unser Wohn- und Lebensviertel.
Pfr. Rolf Reisert und der Kirchenmusiker
Bertrand Fromageot
"Rettet die Petruskirche" hieß der Auftrag der Gemeindeversammlung
an den Gemeindekirchenrat und
federführend an Rolf Reisert, der bis 1990 Pfarrer in der Petrusgemeinde war. Zur Verwirklichung dieses Plans für die Petruskirche war zunächst
ein Umbau nötig, der durch den Verkauf von Teilen des Pfarrgartens, durch
großzügige Spenden unserer Gemeindemitglieder und durch den Erlös bei Festen
rund um die Kirche fi nanziert wurde.
Wesentliche Veränderungen wurden vorgenommen: Der Fußboden wurde erneuert
und mit Keramikplattenbelegt; eine neue Beheizungsanlage, Toilettenräume und
Notausgänge wurden erstellt. Die alten Holzbänke wurden durch Stühle ersetzt, die
je nach Bedarf zu Gruppen zusammengestellt werden können.
Unter der Orgelempore wurde durch eine Glaswand eine sogenannte Winterkirche
vom Kirchenschiff abgetrennt, die für eine kleinere Gruppe leichter zu beheizen
ist. Für das Kirchenschiff wurden ein transportabler Altar und Bilderschienen mit
Galeriebeleuchtung angeschafft.
Nach diesen Umbauten standen der Gemeinde zwei Veranstaltungsräume zur
Verfügung. Während das Kirchenschiff neben den Gottesdiensten Raum für klassische
Konzerte, Blasmusik, Jazz und Kunstausstelllungen bietet, können in der
"Winterkirche" kleinere Jazzkonzerte, Kabarett und Kindertheater stattfi nden; sie
dient aber auch als Foyer bei Veranstaltungen und als Cafeteria, die sich mittwochs
und sonnabends während der Marktzeiten als Treffpunkt zum Frühstück besonders
bewährt hat.
Rückblickend auf 20 Jahre Kulturarbeit
können wir sagen: das neue
kulturelle Angebot unserer Kirche ist
von Christen und anderen Bewohnern
unseres Wohnbereichs angenommen
worden. Der Wunsch der
Gemeindeversammlung ist Wirklichkeit
geworden:
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Wie es weiterging
von Gisela Kürschner
Nach Abschluss der Umbauarbeiten in der Petruskirche 1982 begannen Pfarrer
Rolf Reisert und seine Mitarbeiter mit der regulären Kulturarbeit. Konzerte, Theater,
Kabarett und Ausstellungen gehören seitdem zum festen Programm der Petruskirche.
Die hauptamtlichen Mitarbeiter der Kulturarbeit prägten mit ihrer Persönlichkeit
auch die Arbeit: Der Musiker Matthias Witting, der Schauspieler und Theaterregisseur
Siggi Jacobs und die Pädagogin Monika Römer-Jacobs, der Kunstwissenschaftler
Horst Ellenbeck um nur die wichtigsten zu nennen. Ein gravierender Einschnitt
war das Ausscheiden des Initiators 1989: Rolf Reisert ging aus gesundheitlichen
Gründen in den Ruhestand. Sein Nachfolger wurde für zwei Jahre Pfarrer Volkmar
Metzner. Seit 1993 ist Lutz Poetter Kulturpfarrer. Seitdem ist auch Gisela Kürschner hauptamtliche Kulturorganisatorin, mit dem Pfarrer
und sieben weiteren Mitgliedern bildet sie die
Kulturgruppe.
Tucholskiy-Tage in der Petruskirche
Ehrenamtlich ermöglicht die Gruppe
die Kulturarbeit. Motive dafür sind der Spaß an
dieser Arbeit, die Aufrechterhaltung einer der wenigen
Kulturstätten in Lichterfelde und die Attraktivität,
die Kirche und Gemeinde dadurch erhalten.
Die Grundlage der Kulturarbeit ist die "Offene
Kirche", unser Kirchencafe, das immer mittwochs
und samstags besucht werden kann. Sie öffnet die
Kirche, macht sie begehbar und gesellig. Darüber
hinaus ist sie noch eine wesentliche finanzielle Einnahmequelle
der Kulturarbeit.
Die Durchführung der Veranstaltungen ist oft mit
erheblichen Aufwand für die Mitarbeiter verbunden,
muss doch die Kirche am Sonntag wieder ordentlich
aufgeräumt sein für den Gottesdienst. Podeste,
Scheinwerfer, Lautsprecher müssen auf- und
abgebaut, Vorhänge (zur Verbesserung der Akustik) müssen aufgehängt, Stühle
gestellt, Tische auf- und abgebaut werden. Zwei Stunden vor dem Konzert und
dasselbe noch mal danach sind nötig, um eine Veranstaltung möglich zu machen.
Während der Konzerte wird man für die Mühen belohnt. Die Kirche, vor allem auch
die Winterkirche, mit ihrer hervorragenden Akustik und ihrer angenehmen Atmosphäre
begeistern sowohl Besucher wie auch Künstler.
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Kunst in der Petruskirche
von Lutz Poetter
Ebrahim Ehrari
Im Frühjahr 1982 war der Umbau der Petruskirche
abgeschlossen und die frischgestrichenen Wände
des Kirchenschiffs und der Winterkirche waren bereit
für die erste reguläre Bilderausstellung des in Teheran
geborenen Berliner Malers Ebrahim Ehrari.
Die Stunde der Wahrheit war gekommen in der
unausweichlichen Begegnung der Gottesdienstbesucher
mit zeitgenössischer Kunst in der Kirche. Es gab
bis dahin in unserer Stadt keine Erfahrungen damit.
Die Initiatoren der Kulturarbeit in der Petrusgemeinde
versprachen sich durch die multifunktionale Nutzung
der Petruskirche eine wichtige Bereicherung
und einen starken Anziehungspunkt in Lichterfelde.
Die Skeptiker befürchteten, dass durch das Zeigen moderner Kunst die letzten
treuen Gottesdienstbesucher
aus der Kirche
vertrieben würden. Der
Zuspruch übertraf jedoch
alle Erwartungen.
Kunst und Kultur bei "Malerarbeiten"
Die ersten Kunstausstellungen
wurden ein
voller Erfolg. Und auch
der Gottesdienstbesuch
nahm zu. Die Winterkirche
war für die anschwellende
Zahl der
sonntäglichen Besucher
viel zu klein ...
Offenheit und Toleranz
Nach über 20 Jahren und rund 200 Ausstellungen in der Petruskirche wissen wir:
Kunst und Kultur steigern die Offenheit der Kirchengemeinde. Sie eröffnen ein spannendes
Betätigungsfeld für haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter, für Künstler und
Kunstinteressierte. Sie ermöglichen Begegnungen für Menschen, die sonst nicht mit
Kultur und Kunst in Berührung kommen. Sie schaffen Kontakte und Gemeinschaft in
Lichterfelde. Wichtige Ziele sind dabei: Freiheit leben, Provokationen und Konflikte
verarbeiten und Toleranz fördern.
Natürlich erregten die ausgestellten Kunstwerke zeitgenössischer Künstlerinnenund
Künstler heftigen Anstoß. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Aber gerade
das sollen und dürfen sie auch. Seit Jahrhunderten waren Kunst und Kirche eng
verbunden – allerdings nicht gleichberechtigt. Künstler erhielten den Auftrag, die
Kirchen prächtig auszuschmücken und die biblische Botschaft in Altarbildern und
Heiligendarstellungen zu illustrieren. Kunst in der Kirche war dienende Kunst.
Maximilian Verhas: Rollkörper
Die Ausstellungen in der Petruskirche sind einer
modernen Kunst gewidmet, die sich gemeinsam mit
der Wissenschaft von kirchlicher und staatlicher Obrigkeit
emanzipiert hat.
In unserer pluralistischen Gesellschaft sind Kunst
und Kultur Randphänomene. Das macht sie allerdings
nicht unwichtig. Schließlich stehen wir als
christliche Kirche inzwischen auch am Rand des gesellschaftlichen
Interesses und betrachten die Stimme
des Glaubens als fundamental wichtig für alles
Leben. Auch in der Kunst geht es um Wahrheit und
Werte. Wer Kunst schafft, der will etwas vermitteln.
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