ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf

Holzkirche Gemeindezentrum Celsiusstraße Gemeindehaus Ostpreußendamm
Petruskirche Gemeindehaus Parallelstraße Dorfkirche Giesensdorf

ev. Kirchengemeinde Petrus-Giesensdorf > Geschichte > Petruskirche > Kulturarbeit in der Petruskirche

24.5.2019

Kulturarbeit in der Petruskirche
Ein Rückblick

von Gisela Kürschner und Rolf Reisert, 2002


Rettet die Petruskirche!

Mit viel Liebe und Einsatz hat die Petrusgemeinde ihre Kirche nach dem 2. Weltkrieg wiederhergestellt. Als die neue Orgel in den 60er Jahren feierlich eingeweiht wurde, dachten wohl alle: Nun ist es geschafft! Unsere Kirche ist fertig und gerüstet für die nächsten Generationen.

Doch es kam anders. Die Ölkrise zwang uns wegen der hohen Heizkosten im Winter die Kirche zu schließen. Die Orgel litt darunter erheblich, der Holzbetonfußboden zog Kondenswasser und wurde zu einer Schlitterbahn. Die Finanzlage verschlechterte sich mehr und mehr. Die Unterhaltungskosten für die freistehende Platzkirche waren in Relation zur Nutzung viel zu hoch.

Am 2. Advent 1978 feierten wir das 80. Kirchweihjubiläum – als Trauergottesdienst. Sollte dies der Abschied der Gemeinde von ihrer Kirche sein? Die im Anschluss an den Gottesdienst einberufene Gemeindeversammlung beschloss damals:

Wir retten die Petruskirche für Lichterfelde. Wir wollten die Kirche im Dorf lassen. Als Gemeinde wollten wir sie rentabler nutzen, als eine Kirche für das Gemeinwesen, als Ort dezentraler Kulturarbeit, als Begegnungsstätte für unser Wohn- und Lebensviertel.


Pfr. Rolf Reisert und der Kirchenmusiker Bertrand Fromageot

"Rettet die Petruskirche" hieß der Auftrag der Gemeindeversammlung an den Gemeindekirchenrat und federführend an Rolf Reisert, der bis 1990 Pfarrer in der Petrusgemeinde war. Zur Verwirklichung dieses Plans für die Petruskirche war zunächst ein Umbau nötig, der durch den Verkauf von Teilen des Pfarrgartens, durch großzügige Spenden unserer Gemeindemitglieder und durch den Erlös bei Festen rund um die Kirche fi nanziert wurde.

Wesentliche Veränderungen wurden vorgenommen: Der Fußboden wurde erneuert und mit Keramikplattenbelegt; eine neue Beheizungsanlage, Toilettenräume und Notausgänge wurden erstellt. Die alten Holzbänke wurden durch Stühle ersetzt, die je nach Bedarf zu Gruppen zusammengestellt werden können.

Unter der Orgelempore wurde durch eine Glaswand eine sogenannte Winterkirche vom Kirchenschiff abgetrennt, die für eine kleinere Gruppe leichter zu beheizen ist. Für das Kirchenschiff wurden ein transportabler Altar und Bilderschienen mit Galeriebeleuchtung angeschafft.

Nach diesen Umbauten standen der Gemeinde zwei Veranstaltungsräume zur Verfügung. Während das Kirchenschiff neben den Gottesdiensten Raum für klassische Konzerte, Blasmusik, Jazz und Kunstausstelllungen bietet, können in der "Winterkirche" kleinere Jazzkonzerte, Kabarett und Kindertheater stattfi nden; sie dient aber auch als Foyer bei Veranstaltungen und als Cafeteria, die sich mittwochs und sonnabends während der Marktzeiten als Treffpunkt zum Frühstück besonders bewährt hat.

Rückblickend auf 20 Jahre Kulturarbeit können wir sagen: das neue kulturelle Angebot unserer Kirche ist von Christen und anderen Bewohnern unseres Wohnbereichs angenommen worden. Der Wunsch der Gemeindeversammlung ist Wirklichkeit geworden:

Petruskirche für Lichterfelde

zum Seitenanfang

Wie es weiterging

von Gisela Kürschner

Nach Abschluss der Umbauarbeiten in der Petruskirche 1982 begannen Pfarrer Rolf Reisert und seine Mitarbeiter mit der regulären Kulturarbeit. Konzerte, Theater, Kabarett und Ausstellungen gehören seitdem zum festen Programm der Petruskirche.

Die hauptamtlichen Mitarbeiter der Kulturarbeit prägten mit ihrer Persönlichkeit auch die Arbeit: Der Musiker Matthias Witting, der Schauspieler und Theaterregisseur Siggi Jacobs und die Pädagogin Monika Römer-Jacobs, der Kunstwissenschaftler Horst Ellenbeck um nur die wichtigsten zu nennen. Ein gravierender Einschnitt war das Ausscheiden des Initiators 1989: Rolf Reisert ging aus gesundheitlichen Gründen in den Ruhestand. Sein Nachfolger wurde für zwei Jahre Pfarrer Volkmar Metzner.

Seit 1993 ist Lutz Poetter Kulturpfarrer. Seitdem ist auch Gisela Kürschner hauptamtliche Kulturorganisatorin, mit dem Pfarrer und sieben weiteren Mitgliedern bildet sie die Kulturgruppe.

Ausstellung Tucholskytage
Tucholskiy-Tage in der Petruskirche

Ehrenamtlich ermöglicht die Gruppe die Kulturarbeit. Motive dafür sind der Spaß an dieser Arbeit, die Aufrechterhaltung einer der wenigen Kulturstätten in Lichterfelde und die Attraktivität, die Kirche und Gemeinde dadurch erhalten. Die Grundlage der Kulturarbeit ist die "Offene Kirche", unser Kirchencafe, das immer mittwochs und samstags besucht werden kann. Sie öffnet die Kirche, macht sie begehbar und gesellig. Darüber hinaus ist sie noch eine wesentliche finanzielle Einnahmequelle der Kulturarbeit.

Die Durchführung der Veranstaltungen ist oft mit erheblichen Aufwand für die Mitarbeiter verbunden, muss doch die Kirche am Sonntag wieder ordentlich aufgeräumt sein für den Gottesdienst. Podeste, Scheinwerfer, Lautsprecher müssen auf- und abgebaut, Vorhänge (zur Verbesserung der Akustik) müssen aufgehängt, Stühle gestellt, Tische auf- und abgebaut werden. Zwei Stunden vor dem Konzert und dasselbe noch mal danach sind nötig, um eine Veranstaltung möglich zu machen.

Während der Konzerte wird man für die Mühen belohnt. Die Kirche, vor allem auch die Winterkirche, mit ihrer hervorragenden Akustik und ihrer angenehmen Atmosphäre begeistern sowohl Besucher wie auch Künstler.

zum Seitenanfang

Kunst in der Petruskirche

von Lutz Poetter

 
Ebrahim Ehrari

Im Frühjahr 1982 war der Umbau der Petruskirche abgeschlossen und die frischgestrichenen Wände des Kirchenschiffs und der Winterkirche waren bereit für die erste reguläre Bilderausstellung des in Teheran geborenen Berliner Malers Ebrahim Ehrari.

Die Stunde der Wahrheit war gekommen in der unausweichlichen Begegnung der Gottesdienstbesucher mit zeitgenössischer Kunst in der Kirche. Es gab bis dahin in unserer Stadt keine Erfahrungen damit. Die Initiatoren der Kulturarbeit in der Petrusgemeinde versprachen sich durch die multifunktionale Nutzung der Petruskirche eine wichtige Bereicherung und einen starken Anziehungspunkt in Lichterfelde.

Die Skeptiker befürchteten, dass durch das Zeigen moderner Kunst die letzten treuen Gottesdienstbesucher aus der Kirche vertrieben würden. Der Zuspruch übertraf jedoch alle Erwartungen.


Kunst und Kultur bei "Malerarbeiten"

Die ersten Kunstausstellungen wurden ein voller Erfolg. Und auch der Gottesdienstbesuch nahm zu. Die Winterkirche war für die anschwellende Zahl der sonntäglichen Besucher viel zu klein ...

Offenheit und Toleranz

Nach über 20 Jahren und rund 200 Ausstellungen in der Petruskirche wissen wir: Kunst und Kultur steigern die Offenheit der Kirchengemeinde. Sie eröffnen ein spannendes Betätigungsfeld für haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter, für Künstler und Kunstinteressierte. Sie ermöglichen Begegnungen für Menschen, die sonst nicht mit Kultur und Kunst in Berührung kommen. Sie schaffen Kontakte und Gemeinschaft in Lichterfelde. Wichtige Ziele sind dabei: Freiheit leben, Provokationen und Konflikte verarbeiten und Toleranz fördern.

Natürlich erregten die ausgestellten Kunstwerke zeitgenössischer Künstlerinnenund Künstler heftigen Anstoß. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Aber gerade das sollen und dürfen sie auch. Seit Jahrhunderten waren Kunst und Kirche eng verbunden – allerdings nicht gleichberechtigt. Künstler erhielten den Auftrag, die Kirchen prächtig auszuschmücken und die biblische Botschaft in Altarbildern und Heiligendarstellungen zu illustrieren. Kunst in der Kirche war dienende Kunst.


Maximilian Verhas: Rollkörper

Die Ausstellungen in der Petruskirche sind einer modernen Kunst gewidmet, die sich gemeinsam mit der Wissenschaft von kirchlicher und staatlicher Obrigkeit emanzipiert hat.

In unserer pluralistischen Gesellschaft sind Kunst und Kultur Randphänomene. Das macht sie allerdings nicht unwichtig. Schließlich stehen wir als christliche Kirche inzwischen auch am Rand des gesellschaftlichen Interesses und betrachten die Stimme des Glaubens als fundamental wichtig für alles Leben.

Auch in der Kunst geht es um Wahrheit und Werte. Wer Kunst schafft, der will etwas vermitteln.

zum Seitenanfang

Lesen Sie zu diesem Thema auch: